“Sonst lesen irgendwann alle nur noch dasselbe”

Ihren Durchbruch fand die breite Beschäftigung mit Literatur hierzulande im 18. Jahrhundert in Literaturzeitschriften. Koryphäen wie Lessing, Schiller oder Hölderlin beteiligten sich damals rege an Projekten, die jungen Autoren ein Forum zur Vorstellung ihres künstlerischen Schaffens boten. Zwar ist ihr Einfluss mittlerweile stark gesunken, doch gibt es sie auch heute noch, die kleinen, aber feinen Journale. Ein solches bildet auch die Zeitschrift “Zeichen & Wunder”, deren Mitherausgeber seit kurzem der aus Trier stammende Sebastian Marx ist und die dank der Buchhandlung “ÃŽle de Ré” auch in dessen Geburtsstadt vertrieben wird.

TRIER/MAINZ/FRANKFURT. Nein, einfach sei es wahrlich nicht, eine kleine Buchhandlung gegen die große Ketten-Konkurrenz dauerhaft mit dem gleichen erlesenen Anspruch aufrecht zu erhalten. Aber ihren Laden aufgeben? “Das kommt überhaupt nicht in Frage!” Regine Ebel sagt diesen Satz mit einer Selbstverständlichkeit, die bereits eine jahrelange Erfahrung im Konkurrenzkampf gegen die Branchenriesen offenbart. Die Inhaberin von “ÃŽle de Ré” in der Trierer Brückenstraße weiß um die Treue ihrer Stammkundschaft. “Zu uns kommen eher nicht die Fast-Food-Leser”, erklärt sie lächelnd. Ihr Angebot konzentriere sich neben der literarischen Qualität vor allem auf das Kerngeschäft: “Wir führen nur das, was auch tatsächlich mit Literatur im eigentlichen Sinne zu tun hat.”

Seit kurzem gehört zu diesem Sortiment auch ein Produkt, das in dieser Form sicher bei Thalia und Co. aus Effizienzgründen unerwünscht wäre. Das halbjährlich erscheinende Magazin “Zeichen & Wunder”, das sich selbst als “Zeitschrift für Lyrik, Prosa und Essays der Gegenwart” versteht, publiziert ausschließlich Erstveröffentlichungen. “Damit”, so Sebastian Marx, “legen wir großen Wert auf Originalität.” Der gebürtige Trierer ist vor einigen Monaten als Mitherausgeber bei dem seit 1989 erscheinenden Journal eingestiegen. Ehrenamtlich, denn eigentlich arbeitet der promovierte Literaturwissenschaftler für eine Mainzer PR-Agentur. Er selbst kam, wie er sagt, zu dieser Tätigkeit “wie die berühmte Jungfrau zum Kind”.

Hubert Brunträger, der das Projekt gründete und über zwei Dekaden hinweg nahezu in Eigenregie führte, beendete sein Engagement im vergangenen Jahr. Die verbliebenen Redaktionsmitglieder Andreas Lehmann und Christoph Leisten hätten die Zeitschrift nicht alleine weiterführen können. Damit klaffte eine große Lücke. Neben Anna Ertel, Marco Fischer und Simone Leidinger konnte jedoch relativ schnell auch Sebastian Marx für die Mitarbeit als Herausgeber und Redakteur in Personalunion gewonnen werden. “Ich beschäftige mich sehr gerne mit Texten, untersuche sie, fahnde nach dem Besonderen an ihnen”, begründet der 32-Jährige seine Motivation. Zudem hält er die Gazette für unterstützenswert, weil sie talentierten und begeisterten Nachwuchsliteraten eine Anlaufstelle biete, die auf dem hart umkämpften Buchmarkt sonst kaum mehr anzutreffen sei.

Überhaupt hat es alles Neue im etablierten Literaturbetrieb auffallend schwer. Ein Thema, bei dem auch Regine Ebel ihr gewinnendes Lächeln für einen kurzen Augenblick entgleitet. “Es tut einem manchmal schon sehr leid, wenn wirklich gute Werke zu Ladenhütern werden.” Das gelte ganz besonders für den übersättigten Zeitschriftenmarkt: “Neue Zielgruppen zu erschließen, ist da gar nicht so einfach. Meist muss sich jemand schon von vornherein dafür interessieren.” Im Fall von “Zeichen & Wunder” kommt hinzu, dass die Lyrik jene literarische Gattung bildet, die im Heft am stärksten vertreten ist: “Landläufig gibt es ja den Spruch, dass es mehr Lyriker gebe als Leser von Lyrik. Da ist sicher auch etwas Wahres dran”, gibt Marx zu. Außerdem würden seinem Projekt schlicht die Werbemöglichkeiten fehlen.

Umso besser, findet er, dass es in Trier einen Buchladen gebe, in dem das Angebot auf Leser abgestimmt sei, “die eher nicht als Erstes nach dem neuesten Dan Brown fragen”. So bat er seine Zeitschrift bei “ÃŽle de Ré” auf gut Glück an und fand damit direkt Anklang: “Das ist besonders erfreulich, vor allem, wenn man bedenkt, dass es oftmals einfacher ist, dem Lesepublikum einen anspruchsvollen Roman nahe zu bringen als eine experimentelle Zeitschrift mit hohem Lyrik-Anteil.” Schließlich können selbst Berufsleser mittlerweile ihren Lesehunger relativ einfach befriedigen, “da wartet niemand mehr notwendigerweise auf eine Zeitschrift wie die unsere, so leidenschaftlich sie auch gemacht ist.”

Zur Ausschreibung jeder Ausgabe gibt es ein vorgegebenes Leitthema. Die Auswahl der Texte, von denen pro Ausgabe etwa fünfzig in der Redaktion eingehen, erfolgt rein subjektiv. Welche Arbeiten es ins Heft schaffen, entscheidet neben der Vorliebe der Herausgeber auch die konkrete Machart. “Manchmal merkt man schon”, erzählt Marx, “wenn jemand einfach seine Produktion aus dem vergangenen halben Jahr in einen Umschlag gepackt und an uns geschickt hat.” Vielmehr sei man bemüht, nur Texte zu veröffentlichen, die das jeweilige Thema wirklich ernst nehmen. Im Idealfall entstehe dann ein Potpourri an Beiträgen, die das leitende Sujet aus den unterschiedlichsten Perspektiven beleuchten. In der aktuellen Ausgabe – die erste, an deren Zustandekommen Marx vollständig mitgewirkt hat – geht es um “Fremdheit: Von fernen Orten, Feigensenf und dem Yeti in uns”.

Zwischen eindrücklichen Grafiken von Christine Dockhorn finden sich darin echte Juwelen wie etwa Christoph Leistens Essay “Vom Reisen und vom Umgang mit dem Fremden”, in dem er pointiert für eine Überwindung der “Angstspirale” im Zusammenhang mit der Assimilierungsforderung gegenüber Fremden plädiert. Aus lyrischer Sicht hervorstechend sind besonders Manfred Enzensbergers “schnelle brut” (“und was ist der mensch / sind menschen bäume voller wörter in den gärten / oder wörter blumen in den fenstern auf den park / und gibt es heime für die straßen wenn sie alt sind / oder richter für die blumen wenn sie schuld sind / oder duden für die wörter wenn sie krank sind”) und Matthias Däumers “Strategie” (“Mag sein, dass, wenn’s graut / die Zigarette nach süßer Sühne schmeckt / und der Dreck auf der Haut, / als ob es was rette, nach Wasser lechzt”).

Was mit der fehlenden Bekanntheit und der mit 500 Exemplaren recht niedrigen Auflage im rein ökonomischen Kontext als Nachteil firmiert, ist aus ästhetischer Sicht eindeutig der große Vorteil des Projektes, wie Marx konstatiert: “Wir können Texte der Öffentlichkeit zugänglich machen, die nach Marktkriterien eigentlich gar nicht publizierbar wären.” Gäbe es keine kleinen Zeitschriften, ist der Germanist überzeugt, dann läsen irgendwann alle nur noch dasselbe. Der stete Zustrom an Beiträgen, die unter Umständen sonst in staubigen Schubläden versauern würden, bestätigt die Crew von “Zeichen & Wunder” jedenfalls immer wieder in ihrer Meinung, wonach Literaturzeitschriften das kulturelle Leben entscheidend bereichern.

Eine Ansicht, die auch in der Politik bereits angekommen ist. Vor einem Jahr etwa bewilligte die Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur dem Team einen Druckkostenzuschuss von 2000 Euro. Angesichts der Tatsache, dass man bei jeder Ausgabe finanziell “mit Ach und Weh bei null” rauskomme und die Autoren kein Honorar für ihre Arbeit erhielten, seien solche Zuwendungen ein besonders wichtiges Mittel. Auch die Kooperation mit dem “Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen” halte die Zeitschrift am Leben. Und nicht zu vergessen die vielen kleinen Buchhandlungen, die “Zeichen & Wunder” – oftmals wider die Vernunft der Gewinnmaximierung – in ihrem Angebot halten. Regine Ebel jedenfalls macht sich keine Sorgen um den Fortbestand derart ambitionierter Projekte und erst recht nicht ihres eigenen Lebensprojektes “ÃŽle de Ré”: “Wer hier herkommt, weiß auch, was er an uns hat”.

Die aktuelle Ausgabe 55 von “Zeichen & Wunder” umfasst 64 Seiten und kostet acht Euro. Erhältlich ist sie bei der Buchhandlung “ÃŽle de Ré” in Trier und im Internet: http://www.zeichenwunder.de/.

Print Friendly

von

Schreiben Sie einen Leserbrief

Angabe Ihres tatsächlichen Namens erforderlich, sonst wird der Beitrag nicht veröffentlicht!

Bitte beachten Sie unsere Kommentarrichtlinien!

Noch Zeichen.

Unterstützen

In Evernote merken