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“Fairtrade darf kein Feigenblatt sein”

Heute vor einem Jahr wurde Trier der Titel “Fairtrade-Town” verliehen. Fair gehandelte Produkte fanden auch am Samstag wieder reichlich Absatz – beim inzwischen schon traditionellen Weltbürgerfrühstück auf dem Kornmarkt. Rund 30 Initiativen, Verbände und Vereine, vom Afrika Focus e.V. bis zur Weltwerkstatt, präsentierten ihr Engagement. Sabine Mock vom Verein Lokale Agenda 21 kündigte an, dass beim diesjährigen Stadtlauf erstmals Bananen aus dem fairen Handel ausgegeben werden. OB Klaus Jensen (SPD) verteidigte unterdessen Triers Städtepartnerschaft mit Xiamen. Im Hinblick auf die Menschenrechtssituation in China erklärte der Stadtchef, dass er diese gegenüber den Verantwortlichen klar anspreche.

TRIER. Sascha Rachow und Michael Hessel können über fehlenden Absatz nicht klagen. Am Stand des Naturschutzbunds kredenzen sie am Samstag einen Apfel-Mangosaft, der in einer Gemeinschaftsleistung des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), des NABU und der Trierer Arbeitsgemeinschaft Frieden (AGF) hergestellt wurde. Mit an Bord sind, neben der Kelterei Marc Conrad aus Welschbillig auch regionale Landwirte, deren Äpfel in das Produkt ebenso mit einflossen wie Mangopüree von den Philippinen. “Die Landwirte bekommen von uns einen Aufpreis, weil die Äpfel an Bäumen auf Streubobstwiesen wuchsen”, berichtet Rachow. So werde regional einen Beitrag zu Artenschutz und – vielfalt geleistet, erklärt er. Und auch die philippinischen Kleinbauern profitierten, berichtet Rachow, da sie einen fairen Preis für ihr Mangopüree erhielten. Der Saft wird im Weltladen in der Pfützenstraße verkauft, auch in der Kneipe Simplicissimus am Viehmarktplatz ist das Getränk zu haben.

Ein Musterbeispiel für faire Produkte, doch nicht das, was für eine Massenproduktion taugt. Anders als etwa Kaffee, Bananen, Schokolade oder Tee, den Klassikern des Fairtrade-Sortiments, das sich in immer mehr regionalen Geschäften und auch in der Gastronomie findet. Seit einem Jahr darf sich Trier “Fairtrade-Town” nennen. Dass durch die Verleihung des Titels ein “Run” auf den Einzelhandel, der fair gehandelte Produkte führt, ausgelöst worden wäre, lässt sich nicht behaupten, doch langsam aber sicher scheint das Vorhaben in die Gänge zu kommen.

Beispielsweise im Rathaus, wo laut Verwaltung bei allen Rats- und Ausschusssitzungen ausschließlich Kaffee, Tee und Zucker aus fairem Handel angeboten werden. Allerdings, räumt man auf Nachfrage ein, hätten noch nicht alle Ämter und Abteilungen der Verwaltung diesen Anspruch verinnerlicht. Hier wie generell werde aber weiterhin Überzeugungsarbeit geleistet, heißt es aus dem Presseamt. Koordiniert werden die Aktivitäten vor Ort von einer Steuerungsgruppe, der vom Agenda-Verein über die City-Initiative bis hin zum Hotel- und Gaststättenverband, der Handwerkskammer und auch dem Studierendenwirk unterschiedliche Akteure angehören. Kürzlich schrieben Jensen und der örtliche Einzelhandelsverband rund 800 Unternehmen an, binnen weniger Tage hätten sich schon 40 zurückgemeldet und ihr Interesse an der Aktion bekundet, berichtete OB Klaus Jensen am Samstag. Die Anzahl der Betriebe mit fairen Produkten entwickle sich weiter, wer mindestens drei fair gehandelte Produkte führe, erhalte auf Wunsch ein entsprechends Label. Die Liste der beteiligten Unternehmen kann also weiter wachsen.

Ob und wie stark die Nachfrage nach fair gehandelten Produkten in Trier gestiegen ist, lässt sich nicht beziffern. Auf Bundesebene erlebte der Handel in den vergangenen Jahren einen enormen Aufschwung: Betrug der Gesamtumsatz in diesem Segment 2004 noch unter 100 Millionen Euro, waren es 2009 bereits mehr als 320 Millionen. Längst passé sind auch die Zeiten, als sich fair gehandelte Produkte nur im Sortiment von Weltläden fanden – selbst mancher Discounter bietet heute Gepa-Kaffee und Fairtrade-Schokolade an.

Für AGF-Vorstand Hermann Anell grundsätzlich kein Problem. Die Arbeitsgemeinschaft Frieden betreibt den Weltladen in der Pfützenstraße, lange besaß man vor Ort eine Art Beinahe-Monopol für fair gehandelte Produkte. Laut Anell ist das Bewusstsein für das Thema in den vergangenen Jahren spürbar gestiegen. “Die Leute fragen sich jetzt schon mal, was eigentlich dem Produzenten noch bleibt, wenn die Bananen nur 99 Cent kosten”, berichtet er. Der Weltladen profitiere denn auch vom kritischen Konsum vieler Verbraucher, der Umsatz in der Pfützenstraße habe im vergangenen Jahr weiter zugelegt. Hinzu kommen Kooperationen, etwa mit dem Studierendenwerk von Uni und Fachhochschule. Laut Anell liefert der Weltladen jede Woche bis zu fünf Kisten Bananen an das Studiwerk, auch Produkte wie Kaffeelikör würden von den Mensen auf dem Campus nachgefragt. Dass inzwischen selbst Discountmärkte Fairtrade-Waren führen, sei okay, so Anell, “doch sollte man auch nachfragen, wie die Sozialstandards in diesen Unternehmen sind. Fairtrade darf auf keinen Fall ein Feigenblatt sein”, warnt der AGF-Mann.

Während Fairtrade für einen Wandel durch Handel sorgen soll, gab OB Klaus Jensen am Samstag die Devise “Wandel durch Annäherung” aus. Von Moderator Brunno Sonnen auf die noch junge und umstrittene Städtepartnerschaft Triers mit Xiamen angesprochen, erklärte der Stadtchef, dass die Frage der Menschenrechte in China selbstverständlich nicht ausgeklammert werde. Der OB verurteilte die Verhaftung des Künstlers Ai Weiwei, berichtete aber auch, dass es derzeit eine Diskussion in China über eine Aussetzung der Todesstrafe gebe.  “Das gehört zu einer Partnerschaft dazu, dass man auch die negativen Dinge anspricht”, so Jensen. Doch wie schon bei der Ostpolitik glaube er, dass nur ein stetiger Dialog eine Veränderung bringen könne.

Derweil bleibt dem OB nur noch wenig Zeit, um seine Wette zu gewinnen. Jensen hatte bekanntlich gewettet, dass rechnerisch jeder dritte Trierer einen Euro für die von Karlheinz Böhm initiierte Aktion “Menschen für Menschen” spendet. Bis Samstagmorgen waren gerade mal 13.000 Euro eingegangen, und das, obwohl die meisten der bisherigen Spender deutlich mehr als nur einen Euro gaben. “Es fehlen noch 22.000 Euro”, so Jensen, “sorgen Sie mit dafür, dass wir am 9. Juni nicht als geizige Trierer dastehen”.

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