Nuschelsuppe mit afrikanischen Gewürzen
Obwohl viele Schriftsteller während einer Lesung bereits viel von sich preisgeben, ohne über sich zu sprechen, dachte sich der Trierer Autor und Leseveranstalter Dorian Steinhoff, dass es doch nett wäre, in einer lockeren Unterhaltung etwas mehr über den Künstler zu erfahren. Darum gründete er die Reihe “Humorprofis”, die am Dienstag in der Tufa Premiere hatte. Erster und wohl schwierigster Gesprächsgast der bisher fünf feststehenden Komikautoren im ersten Halbjahr war Heinz Strunk. Der Verfasser des bitterlustigen Buches “Fleisch ist mein Gemüse” stellte sein aktuelles Werk “Heinz Strunk in Afrika” vor. Der Pauschalreisebericht ist ebenfalls sehr komisch geraten, weil Strunk wieder verstärkt auf eigene Erlebnisse zurückgreifen konnte. Vielleicht hätte es noch mehr Lacher gegeben, wenn er den Text beim Lesen nicht so runtergerotzt hätte.
TRIER. “Ich biete ein abendfüllendes Programm, an dessen Ende meiner Meinung nach alles gesagt ist”, antwortete Heinz Strunk im hunderttausend.de-Interview vor seinem Auftritt in Trier, als er auf das geplante Bühnengespräch angesprochen wurde. Das klang bereits so, als habe er nicht viel Lust auf eine Unterhaltung. Als es am Dienstagabend im zweiten Teil der ersten Hälfte seiner Lesung zu diesem Programmpunkt kam, zeigte er das dann auch deutlich.
Dabei soll das kurze Gespräch den Reiz der neuen Tufa-Reihe “Humorprofis” ausmachen. Einmal im Monat werden lustige Autoren eingeladen, die nicht nur lesen, sondern auch etwas über sich erzählen sollen. Dorian Steinhoff moderiert die Veranstaltung und plaudert mit den Künstlern. Zuletzt organisierte der Trierer Autor die Lesereihe “Bemerkenswert” in der Tufa, bei der interessante junge Schriftsteller vorgestellt wurden. Leider stieß die Veranstaltung nur auf geringes Interesse.
Deren Nachfolger erwischte zumindest, was die Besucherzahlen angeht, einen guten Start. 150 Zuschauer sind gekommen, um Heinz Strunk aus seinem aktuellen Buch ”Heinz Strunk in Afrika” lesen zu hören. Dabei ist gerade dies nicht seine Stärke, denn Strunk liest grauenvoll. Er trägt die Passagen in einem Tempo vor, als er wolle er nur noch mal schnell für sich den Text überfliegen. Der Hamburger serviert den Besuchern eine trübe Nuschelsuppe.
Für die respektlose, aber auch authentische Art des Vortrags gibt es mindestens drei Erklärungen: Entweder das Publikum kauft mehr Bücher, weil es das nachlesen will, was es nicht verstanden hat; oder Strunk rotzt den Text deshalb so runter, weil das noch bevorstehende Gespräch von seiner Lesezeit abgezogen wird und er nicht kürzen möchte; oder der unter seinem Anzug üppig tätowierte Fastfünfziger liest so, weil er mehr Punk ist, als man ihm ansieht.
Der Stimmung der vorgetragenen Auszüge wird die Diktion jedenfalls nicht gerecht, wenngleich der Ton darin ebenfalls schnoddrig ist. “Ich setze die Inspektion im Nassbereich fort: grauer, welliger Linoleumboden, graue Kacheln, Badewanne (Farbe Manhattan), mit eingefrästem Schmutzrand, marode, schwergängige Armaturen. Föhn Fehlanzeige. Shampoo Fehlanzeige, Bodylotion Fehlanzeige, lediglich ein winziges, eingeschweißtes Stück Kernseife liegt in einem Kernseifeschälchen. Ich klappe den Toilettendeckel hoch. Zum Scheißen reicht’s”, beschreibt Strunk das Bad seines Hotelzimmers in Mombasa, wo er mit seinem Freund C. Pauschalurlaub macht.
Anscheinend ein noch stärkerer Widerwille als beim Anblick einer kenianischen “Waldnutte” überkommt Strunk, als ihn Steinhoff bittet, auf einem der roten Sessel neben dem Lesetisch Platz zu nehmen. Gleich beim ersten Thema, mit dem der Gastgeber das Eis brechen will, lässt ihn der Schriftsteller auflaufen. Strunk mag nicht über die Sportübungen sprechen, die er in seinem Reisebericht erwähnt. Er will auch nicht über seine Daddelleidenschaft reden, er möchte sich gerade über gar nichts unterhalten. Gelangweilt und genervt fläzt er sich im Sessel, reibt sich die Augen, kratzt sich an der Schläfe und ringt sich ein paar Angaben über aktuelle und zukünftige Projekte ab: Theater in Berlin (“Fahr zur Hölle, Ingo Sachs”) und Hamburg (“Fleisch ist mein Gemüse”, “Dorfpunks” und “Rust”), Kinofilm von “Studio Braun” (Komikerkollektiv mit Jacques Palminger und Rocko Schamoni) in der zweiten Jahreshälfte, Pilotfilm als Jürgen Dose für den WDR. Nach 15 Minuten erlöst Steinhoff sich und Strunk.
Nach knapp zwei Stunden heißt es Abschied nehmen –von Mombasa und Heinz Strunk. Zum Schluss spielt er auf der Querflöte “Gimme Hope, Jo’anna” von Eddy Grant, was in der Hotellobby in der Dauerschleife gelaufen sein soll. “Heinz Strunk in Afrika” ist eine moderne Version von Gerd Polts Film “Man spricht deutsch” – nur das die Protagonisten keine kleinbürgerliche Kleinfamilie sind, sondern zwei alkoholkranke, spielsüchtige Neurotiker. Gemein haben die Hauptfiguren, dass sie möglichst wenig erleben wollen. “Ich habe es gerade mal auf neun Fotos gebracht”, erzählt Strunk am Ende des Buches.
Am Anfang der Lesung sagte Steinhoff, dass die Premiere stets die schlechteste Veranstaltung einer Reihe sei. Zumindest was den Gesprächspart angeht, könnte er damit Recht haben. Am 27. März ist der etwas umgänglichere Satire-Dichter Thomas Gsella bei “Humorprofis” zu Gast. Desweiteren darf man sich auf Zeit-Kolumnist Harald Martenstein (24. April), Russendisko-Erfinder Wladimir Kaminer (29. Mai) und Poetry-Slam-Meister Marc-Uwe Kling (26. Juni) freuen.





26. Januar 2012 (09:22 Uhr)
Auf einem Plateau des hüfthoch verschneiten Kilimandscharo zu stehen und darüber zu sinnieren, ob man jetzt vielleicht noch mehr Schnee hätte, wenn die Temperaturen am Morgen nicht kurzfristig über den Gefrierpunkt gestiegen wären, ist möglich, bringt einem aber zurecht den Vorwurf ein, ein wenig undankbar und krümelpickerisch zu sein. Aus einem Leseabend, bei dem viele Menschen Tränen gelacht haben, rauszugehen und zu orakeln: “Vielleicht hätte es noch mehr Lacher gegeben, wenn er den Text beim Lesen nicht so runtergerotzt hätte.” ist ebenfalls möglich, bringt einem aber den Vorwurf ein, die Zuschauerreaktionen nicht richtig beobachtet zu haben und sich darüber hinaus im (Hörbuch-)Werk von Heinz Strunk nicht sonderlich gut auszukennen.
Ja, Heinz Strunk nuschelt. Sogar ziemlich. Das ist aber sein Markenzeichen. Was man daran erkennt, dass er seine Bücher stets selbst einliest, und diese Hörbuchversionen immer noch lustiger sind. Wenn er so liest, hat es also nix mit Respektlosigkeit zu tun. Vielmehr ist die unterschwellig depressive Einheitsintonierung gerade ein weiteres akustisches Stilmittel, um das neurotische Alter Ego Heinz’ humoristisch zu untermauern.
In der Pause waren sich alle (auch mir unbekannte Menschen) einig, dass das Interview ganz großer Mist war. Und zwar von Dorian Steinhoff. Wer Heinz Strunk pseudocool mit dem Satz überrumpelt: “Hallo Heinz, hinter der Bühne haben wir uns gesiezt, aber jetzt finde ich, wir duzen uns.” hat’s nicht besser verdient.
26. Januar 2012 (09:44 Uhr)
Meiner Meinung nach gehört die nuschelnde, runterrotzende Lesart genauso zu Heinz Strunk wie die unverständlich gesungenen Liedtexte zu Herbert Grönemeyer.
Man muß es nicht mögen. Wer aber jemals eine Lesung von Strunk besucht hat erwartet das.
Mein Fremdschämfaktor wurde allerdings mit Beginn der “Gesprächsrunde” um den Faktor 10 verstärkt. Und das lag nicht an Strunk.
Ein pseudocooler und unvorbereiteter Moderator ist kein kein würdiger”Gegener” für einen, zugegebenermaßen etwas schwierigen, Gesprächspartner.
Wär es eine Fernsehsendung gewesen hätte ich umgeschaltet, Bier aus dem Keller geholt, im Süßigkeitenschrank nach ner Tüte Chips gesucht und pünktlich
zum zweiten Teil der Lesung wieder eingeschaltet.
26. Januar 2012 (11:17 Uhr)
Dazu 2 Anmerkungen: Wer Heinz Strunk kennt, weiß, was ihn erwartet, nämlich eine sehr spezielle Form des Vortrags. Geschmackssache, klar, ich finde das genau so klasse. Und das der Autor sich als nicht immer sehr kooperativ im Gespräch zeigte, könnte auch an seinem Gesprächspartner gelegen haben, der einige Fragen stellte, die wohl nicht nur Heinz Strunk als nicht so mitreißend empfand. Und mit besserer Vorbereitung auf seinen Gast und dessen Arbeit hätte er sich, dem Autor und dem Publikum sicher die Frage erspart, ob die Telefonsketche von Studio Braun nicht “erbärmlich” seien – ohne diese geniale Gruppe und ihre Arbeit zu kennen!