“Ja, in diesem Haus hat ein Jude gewohnt”

Plakat (1)Die Porta Nigra hatte der Filmemacher Peter Haas noch nie gesehen, ehe er sich entschloss, das Leben seines jüdischen Großvaters zu erforschen. Das war 2009. Aber weil Eduard Haas nun einmal 1884 in Trier geboren wurde und viele Jahre hier lebte, verschlug es auch seinen Enkel zur Spurensuche an die Mosel. Nach fünf Jahren Forschen und Filmen gemeinsam mit Co-Autorin Silvia Holzinger wird an diesem Sonntag im “Broadway-Filmtheater” in der Paulinstraße erstmals der fertige Dokumentarfilm gezeigt. Wie nahe er seinem Großvater tatsächlich sein wird, während “Auf der Suche nach dem letzten Juden in meiner Familie” auf der Leinwand läuft, ahnte Haas lange nicht.

TRIER. Als der Onkel ihnen versicherte, dass er nichts, absolut gar nichts wisse, hätten Peter Haas und Silvia Holzinger auch getrost die Hände in den Schoß legen können. Eine Sache ruhen zu lassen, erspart schlaflose Nächte und Tage voller Gram. Es raubt keine Zeit und nagt nicht an den Gedanken. Aber das wäre zu leicht. Als der Onkel ihnen vor einigen Jahren gestand, dass er nichts, absolut gar nichts über Eduard Haas wisse, entschieden sich dessen Enkel Peter Haas und seine Lebenspartnerin Silvia Holzinger, mit der Spurensuche zu beginnen.

Der einzige Anhaltspunkt, den die Berliner Filmemacher zu dem Zeitpunkt hatten, waren drei Fotos und das Wissen, dass der jüdische Großvater 1942 im Konzentrationslager Buchenwald ermordet wurde – Haas’ Mutter hatte Mitte der 1970er Jahre davon erzählt, während im Fernsehen ein Film über den Holocaust lief. Der Vater hat meist geschwiegen, wenn es um die Familiengeschichte ging. Als dann eine Cousine im Frühjahr 2009 zu einem Familientreffen in Trechtingshausen am Rhein einlud, nahmen der 48 Jahre alte Haas und seine ein Jahr jüngere Lebenspartnerin kurz entschlossen eine Kamera mit. “Was weißt du über unseren Großvater? Welche Rolle hat er in deinem Leben gespielt?”, das waren die Fragen, die er seinen zehn Cousinen und Cousins stellte, während Holzinger filmte. Die einen sagten, es fiele ihnen schwer, mit den jüdischen Wurzeln umzugehen. Die anderen hatten nur schemenhafte Erinnerungen.

Am Ende der Familienfeier stand also der Anfang der eigentlichen Recherche. Eine Google-Suche führte Haas und Holzinger auf die Fährte des Regionalforschers Willi Körtels, der ein Buch über eine jüdische Dichterin aus Trier, Elise Haas, geschrieben hatte – eine Schwägerin des Großvaters, wie sich herausstellen sollte. 2009 reisten die beiden Filmemacher aus Berlin deshalb erstmals nach Trier. Dort trafen sie sich mit dem Autor, es folgten Wochen im Stadtarchiv geprägt vom Wechselspiel aus kleinen Fortschritten, vorsichtigem Hoffen und ernüchternden Rückschlägen. Sie sind auf Urkunden gestoßen, die die Geburt von Eduard Haas 1884 in Trier belegen und auf eine verschlissene Kennkarte mit Foto, mit der sich Juden ab Ende der 1930er Jahre ausweisen mussten. Sie fanden heraus, dass der Großvater zwei Mal verheiratet war und in der Brückenstraße, gegenüber dem Karl-Marx-Haus, geboren wurde. Dass seine Eltern einen Kolonialwarenladen und vier weitere Kinder hatten. Dass der Großvater Apotheker war, dass er einige Male wegen Fluchthilfe im Gefängnis saß und 1930 nach Köln gezogen ist. Parallel zu den ersten Erfolgen der Archivarbeit besuchten Haas und Holzinger erneut die Cousinen und Cousins, um bei ihnen im Garten oder im Wohnzimmer Gespräche zu führen über ihre Form des Erinnerns, über die Bedeutung von Heimat und das Gefühl, heimatlos zu sein.

Holzinger Haas (1)2012 zurück in Berlin, mussten die mehr als 60 Stunden Filmmaterial gesichtet und geschnitten werden – Interviews, die unkommentiert für sich stehen, und Aufnahmen, die Peter Haas als Erzähler erläutert. Das Ergebnis ihrer Arbeit: “Auf der Suche nach dem letzten Juden in meiner Familie”. Mit den meisten der 66 Minuten hat nicht nur Haas gehadert: “Es gab Widerstände, sowohl von der Familie als auch in mir.” Die Cousinen und Cousins, die nicht nur in Deutschland, sondern auch in Schweden, in Italien oder Frankreich wohnen, hätten ihn wohl unterstützt, gleichzeitig aber gezögert, selbst vor der Kamera zu sprechen. “Persönlich habe ich mich mehrmals gefragt, ob sich irgendjemand außer mir für den fertigen Film begeistern kann.”

“Der Film ist sehenswert, weil er die Zuschauer anregt, sich mit ihrer eigenen Familiengeschichte auseinander zu setzen. Ich selbst habe etwa gemerkt, dass ich mich mit meinen Großvater viel zu wenig über sein Leben während des Kriegs unterhalten habe”, erklärt Holzinger. Mit diesem Impuls wollen die beiden nicht nur die Zuschauer in Trier, der Geburtsstadt von Eduard Haas, in den Abend entlassen: Nach der Premiere mit anschließender Diskussion präsentieren sie ihr Werk in knapp 70 weiteren deutschen Städten.

Wenn am Sonntag der Vorspann anläuft, dann sind es neben Fragen und Zweifel vor allem die schönen Momente, die die Arbeit der letzten fünf Jahre geprägt haben. Etwa, als die beiden in der Paulinstraße 18 geklingelt haben, dort, wo der Großvater zuletzt gelebt und eine Drogerie geführt hat. “Ja, in diesem Haus hat einmal ein Jude gewohnt”, mit diesen Worten habe ihnen ein Mann die Tür geöffnet und sie ohne Zögern in seine Wohnung gebeten – die Wohnung wohlgemerkt, in der auch Haas’ Großvater jahrelang zuhause war: “Das war überwältigend. Wenn ich daran denke, dass ich vermutlich auf dem Parkettboden gestanden habe, auf dem schon mein Großvater auf und ab gelaufen ist, kriege ich Gänsehaut.” Und so schließt sich am Sonntag, wenn die Volkshochschule Trier “Auf der Suche nach dem letzten Juden in meiner Familie” zeigt, der Kreis zwischen den Generationen, zwischen Eduard Haas und allen anwesenden Enkeln: Das “Broadway-Filmtheater”, Paulinstraße 18, ist nämlich genau unter der Wohnung des Großvaters.

“Auf der Suche nach dem letzten Juden in meiner Familie” läuft an diesem Sonntag, 10. November, um 16.45 Uhr im Broadway-Filmtheater. Im Anschluss laden Peter Haas und Silvia Holzinger die Anwesenden zu einer Diskussion über den Film ein. Weitere Infos finden Sie auf folgender Homepage.

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3 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Norbert Damm schreibt:

    Eine beispielhafte Initiative. Die Frage nach der Suche stellt sich immer noch. Auch in der Speestraße. So soll In meiner Wohnung nach Aussage einer bereits verstorbenen Nachbarin, der Ortsgruppenleiter der SA von Trier-Süd gewohnt haben: Nübling hieß der. “2 Häuser weiter war das sogenannte “Judenhaus” Speestraße 7. – Kein Wunder, daß dessen BewohnerInnen alle der Shoa zum Opfer fielen. Der Ortsbeirat Trier-Süd ignoriert diese Geschichte, von den AnwohnerInnen höre ich was, wenn ich danach frage. 2 ZeitzeugInnen gibt es noch. Wie lange werden sie noch leben?

    Zur Erinnerung an jüdische Bürgerinnen und Bürger, die im Hause Speestraße 7 in Trier wohnten
    und Opfer der Shoa wurden:

    Adele Elsbach (*1908 +1944 Ausschwitz)
    Franziska Elsbach (* 1870 +1944 Theresienstadt)
    Johanna Hayum (* 1901 +1943 Auschwitz)
    Fritz Kahn (*1925 +1943 Auschwitz)
    Herrmann Kahn (* 1888 +1943 Auschwitz)
    Nathan Kahn (*1866 + 1942 Treblinka)
    Hermann Kramer (*1876 +1942 Theresienstadt)
    Erna Levy (* 1922 +1943 Auschwitz)
    Jakob Levy (* 1888 + 1943 Auschwitz)
    Louis Levy (* 1878 +1941 Lodz)
    Sophie Levy ( *1897 + 1943 Auschwitz)
    Herta/Berta Lion ( *1876 # 1941 nach Lodz deportiert)
    Moritz Lion ( * 1873 # 1941 nach Lodz deportiert)
    Susanne Simon ( * 1884 # nach Lodz deportiert)
    Cäcilie/Cilly Weinberg ( +1888 + 1942 Chelmno)
    Markus Weinberg ( * 1876 + 1941 Speestraße 7)

    “Wenn man sich auf Gott verlässt, landet man in Auschwitz.” (Heute in Frankfurt lebender Überlebender der Shoa.)

    Norbert Damm, Speestr. 9

  2. Norbert Damm schreibt:

    Warum setzt die Ortsvorsteherin von Trier-Süd kein Zeichen: Einen Strauß weiße Rosen vor das Haus Speestraße 7 legen. Ich bezahle ihn.

  3. Pawel Sukimski schreibt:

    Lieber Norbert, vielen Dank für Deine Arbeit und Dein Soziales Engagement.

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