“Wir mussten betteln, borgen und stehlen”

Simple Minds spielen an diesem Mittwoch in der Europahalle. 16 VOR sprach mit Sänger Jim Kerr. Foto: Promo“Don’t you forget about me / Don’t, don’t, don’t, don’t”, singen mehrere junge Frauen bei der Oldie-Party am vergangenen Samstag in der “Bonifatiusschänke” euphorisch beim Tanzen mit. Als der Song 1985 erschien, waren sie wahrscheinlich noch nicht geboren. Direkt gegenüber der Kürenzer Kneipe prangt ein riesiges Plakat der Interpreten “Simple Minds”, das auf deren Konzert in der Europahalle morgen um 20 Uhr hinweist. 16vor sprach mit dem schottischen Sänger Jim Kerr über seine Verbundenheit zu Celtic Glasgow, die Verwendung seiner Songs für deutsche Bierwerbung und seine Wurzeln im Punk.

16vor: Celtic hat derzeit 21 Punkte Vorsprung auf den Tabellenzweiten der schottischen Liga. Fehlen Ihnen manchmal die Rangers seit ihrem Zwangsabstieg 2012?

Jim Kerr: Es ist ein Desaster für die Liga. Ich weiß nicht, was man noch machen könnte.

16vor: Haben Sie eine Dauerkarte? Gehen Sie ab und zu ins Stadion?

Kerr: (stolz) Klar gucke ich mir Spiele an. Aber ich habe keine Dauerkarte, weil ich nicht mehr wirklich in Glasgow lebe. Mein Sohn ist Arsenal-Fan, auch deshalb können wir nicht mehr so oft dort hingehen. Neben dem Spiel ist es aber eine gute Gelegenheit, seine Freunde und seine Familie zu sehen.

16vor: Hätten Sie “Belfast Child” geschrieben, wenn Sie Rangers-Fan wären?

Kerr: Sicher. “Belfast Child” ist nicht aus der Sicht eines Celtic-Fans geschrieben. Es könnte auch jemand aus München geschrieben haben.

An einem klaren Tag kann man Nordirland von Schottland aus sehen, so nah ist es. Wir wuchsen gefühlsmäßig damit auf. Glasgow ist regelrecht eine irische Stadt wegen seiner großen Arbeiterschaft. Wir sind ein Produkt davon, es ist Teil unserer DNA.

16vor: Teile von “Belfast Child” wurden jahrelang für eine deutsche Bierwerbung benutzt. Wie denken Sie darüber?

Kerr: Ich trinke nicht. Ich dürfte der einzige Schotte sein, der nicht trinkt (lacht). Ich glaube, die Werbung wurde viel vor Fußballspielen gezeigt. Solche kommerziellen Aspekte gehören dazu, denn die Musikindustrie hat sich stark verändert. Ich glaube aber, es ist kein schlechtes Bier.

16vor: Inzwischen verwendet der Hersteller das Intro von “Stars will lead the way”. Haben Sie eine Ahnung, warum die Brauerei “Simple Minds”-Songs so mag?

Kerr: Nein. Die Brauerei geht zu einer Agentur und die wählt, was sie möchte.

16vor: Wann haben Sie zum letzten Mal “Breakfast Club” gesehen, der “Don’t you” berühmt gemacht hat?

Kerr: Das letzte Mal war auch das erste Mal.

16vor: Mochten Sie den Film?

Kerr: Wir hatten keine richtige Beziehung zu dem Film, da wir auch nur eine unfertige Version gesehen haben. Schließlich haben wir den Song gemacht, weil wir den Regisseur John Hughes und Keith Forsey mochten, der den Titel geschrieben hat. Manchmal trifft man Leute, die einen mit ihrem Enthusiasmus überzeugen können.

16vor: Erinnern Sie sich, ob es eine Figur in dem Film gab, mit der Sie sich identifizieren konnten?

Kerr: Nein, ich war damals schon älter als alle. Für mich waren das Kinder.

16vor: Sie starteten Ihre musikalische Karriere mit einer Punkband. Steckt in Ihnen noch etwas von einem Punk?

Kerr: Mir gefiel der Stil, aber was noch mehr auf mich wirkte, war die Haltung: Dass man es selbst schaffen kann. Kürzlich erst habe ich meinem 21-jährigen Sohn erklärt, wie unsere Karriere entstanden ist: Durch die Punk-Welle, die in Großbritannien alles erobert hatte. Diese Zeit hat die Einstellung von so vielen Arbeiterkindern verändert, die davor glaubten, ohne Universitätsabschluss oder einen bestimmten Hintergrund keine Möglichkeit zu haben, einen Film zu machen, eine Platte aufzunehmen oder einen Roman zu schreiben. Was ich am Punk mochte, war die Musik und der “DIY”-Aspekt.

Um Ihre Frage zu beantworten: Wir haben noch sehr stark diese Haltung. Wir machen alles selbst. Ich hatte nie Gesangsunterricht, niemand zeigte mir, wie man Stücke schreibt. Vielleicht wäre ich besser, wenn es jemand getan hätte. Aber sehr viel kommt durch “DIY”, Punk bedeutet “DIY” für mich.

16vor: Wofür steht “DIY”?

Kerr: “Do it yourself”. Wir hatten damals keinen Zugang zu Musiklehrern oder Unterricht, niemand zeigte uns, wie man Musik macht. Wir hatten keine reichen Mummys und Daddys, wir mussten betteln, borgen und stehlen.

16vor: Heute haben Sie es zu einem eigenen Hotel auf Sizilien gebracht. Wohnen Sie darin, wenn Sie dort sind?

Kerr: Nein, aber es ist in der Nähe meines Hauses.

16vor: Wie viel Zeit verbringen Sie noch in Glasgow?

Kerr: Ich habe noch ein Haus in Glasgow und komme gerne dorthin. Seltsamerweise ich den vergangenen Jahren häufiger als vorher, vor allem in den Sommermonaten – nicht dass wir viel Sommer hätten. Sizilien ist zwar ein wichtiger Teil meines Lebens, aber Teile in mir vermissen eine Art Scottishness. Mir fehlen das Grün und bestimmte Dinge. Während wir uns unterhalten, ist der Computerbildschirm an. Ich war die Glasgower Zeitung am Lesen.

16vor: Macht es einen Unterschied, ob man Stücke in Glasgow, auf Sizilien oder sonstwo schreibt?

Kerr: Nein. Ob du in einem luxuriösen Hotelzimmer oder einem beschissenen Kellerloch schreibst – entscheidend ist, wo dein Kopf bist. Man könnte sagen, dass man besser arbeitet, wenn es einem gut geht. Auf der anderen Seite, eine meiner fruchtbarsten Phasen war traurig. Vor ein paar Jahren war ich drei Monate in Glasgow, als meine Mutter im Sterben lag. In dieser Zeit sind einige Stücke entstanden.

16vor: Im vergangenen Jahr veröffentlichte “Simple Minds” ein Greatest-Hits-Album, mit dem Sie derzeit auf Tour sind. Was steht als nächstes an?

Kerr: Ein neues Album bekommt gerade seinen letzten Schliff. Wir finden es wichtig, immer neue Kapitel zu schreiben. Es verleiht unserer Geschichte Lebendigkeit.

16vor: Vielen Dank für das nette Gespräch und viel Erfolg bei der Tour.

Kerr: Dankeschön. Ich habe ganz vergessen zu fragen: Welche Fußballmannschaft unterstützen Sie?

16vor: Borussia Mönchengladbach. Ich habe vergangenes Jahr auch das Testspiel gegen Glasgow im Celtic Park gesehen.

Kerr: Hat es Ihnen gefallen?

16vor: Nein, es war nicht so gut.

Kerr: Nein? Ich kenne Mönchengladbach, weil einer meiner Lieblingsspieler dort spielte, als ich ein Kind war.

16vor: Wer war das?

Kerr: Netzer!

16vor: Er war großartig.

Kerr: Ich liebte ihn.

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3 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Andreas Wagner schreibt:

    Bei so einem Interview kommt die pure Lese(r)freude auf !

    Dafür Lob und Dank (und weiter so).

  2. phillip trellert schreibt:

    @ch. jöricke : schwarz-weiss-grün bis in den tod ! forza vfl !!

  3. Tobias Wilhelm schreibt:

    Bei “Ich war die Glasgower Zeitung am Lesen” kommt der Trierer im Übersetzer zum Vorschein. Es lebe der rheinisch-moselanische Infinitiv!

    Anm. d. Red.: Der Verfasser bemühte sich, die englische Verlaufsform eins zu eins zu übersetzen.

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