Kennen Sie… den gläsernen Pavillon?

Die gläserne Etage inmitten steinerner Fassaden aus der Gründerzeit fällt sofort ins Auge, wenn man sich vom Bahnhof in Richtung Innenstadt bewegt. Was einst als Schandfleck angesehen wurde, steht heute unter Denkmalschutz und bietet aktuell noch einem Café spacigen Raum. Es ist eines der wenigen stadtbildprägenden Bauten Triers aus den fünfziger Jahren – zumindest der obere gläserne Teil.

TRIER. So vielschichtig die Baugeschichte des Eckhauses an der Theodor-Heuss-Allee zur Göbenstraße ist, so unterschiedlich sind auch die Nutzungen der auffälligen Architektur. Je nach Bedarf wurde hier während der letzten 120 Jahre angebaut, verändert oder belassen, ganz nach Zeitgeschmack und Notwendigkeit. Die spitzwinklige Ecke zwischen der Hauptverbindung vom Bahnhof in Richtung Innenstadt und der hier einmündenden Göbenstraße ist zur Entstehungszeit ein privater Garten. Mit dem Bau des wilhelminischen Hauptbahnhofs 1878 wird auch die damals so genannte Bahnhofsstraße beziehungsweise Nordallee angelegt, an der mehrstöckige repräsentative Geschäfts- und Bürgerhäuser entstehen. Viele Häuser besitzen einen Vorgarten und der des Eckhauses aus dem Jahr 1880 fällt besonders groß aus. Mit einer umfassenden Mauer und einem großen Gartentor wirkt der des Hauses Nr. 18 fast wie ein kleiner Park am Rande der Straße, wie eine Postkarte aus dem frühen 20. Jahrhundert zeigt.

Das im Besitz der Sparkasse befindliche Haus wird 1926 von einer Trierer Familie gekauft, die das gründerzeitliche Haus mit dem auffälligen Zeltdach eingreifend umbaut. Die Familie stockt das Haus um eine Etage auf, darf die Höhe des Gebäudes aber nicht vergrößern. Heute zu sehen ist nur noch die oberste Spitze des Daches, welches auf der niedrigen zweiten Etage ruht, die eher wie von einem Flachdach bedeckt wirkt. Auffälliger als die Ausweitung in die Höhe ist jedoch der Anbau, der seit 1932/33 den Garten verdrängt. Hier lassen die Besitzer – ein moderner und architekturbegeisterter Werbetreibender und seine Frau, eine Fotografin – einen polygonalen Eckladen anbauen.

Engagiert wird das Trierer Architekturbüro Brand und Mertes, welches kurz vorher, 1929 bis 1931, das dem Neuen Bauen verpflichtete Stadtbad mit der Klinkerfassade an der Südallee errichtet hat. Der Pavillon mit elf großflächigen Fenstern sollte als Café dienen, das Flachdach als Dachterrasse. Diesen Zweck erfüllt der Bau jedoch nur einmalig während der Heilig-Rock-Wallfahrt 1933, als das Gebäude mitten auf dem Pilgerweg zwischen St. Maximin und dem Dom liegt. Direkt auf der Spitze der Kreuzung entsteht passend dazu ein Kiosk, in dem bis zum zweiten Weltkrieg Obst, Schokolade und Zeitungen feilgeboten werden, wie sich die noch in ihrem Elternhaus lebende Tochter des Bauherren erinnert. In der Folge wechseln die Besitzer des Untergeschosses häufig, genutzt wird der Raum unter anderem als Elektrofachgeschäft, Versicherung oder auch für Büroräume der Stadt Trier. Während der letzten Kriegsjahre ist hier eine Buchhandlung, nach 1945 nutzt eine Persil-Vertretung den Anbau, der nach Kriegsschäden 1949 wieder instandgesetzt wird.

1950 schließlich zieht die Firma Gebr. Reichert in das Erdgeschoss und ist für Generationen das Spielwarengeschäft in Trier. Die Firma verkauft auch Kinderwagen, Korbwaren, Korbmöbel, Kinderbetten sowie Gartenmöbel, Boote und Zelte, wie ein Briefbogen wirbt. Aufgrund des breiten Warenangebots reicht die Verkaufsfläche von 145 Quadratmetern schnell nicht mehr aus. 1956 lassen die Inhaber im Stil der Zeit eine Etage auf das Erdgeschoss setzen. Ausführender Architekt ist der Trierer Willi Haufs. Er nimmt die Grundmauern des Anbaus aus den frühen dreißiger Jahren, um hier ein typisches 50er-Jahre Element zu ergänzen, ein einziges auskragendes gläsernes Schaufenster. In seinem Bauantrag an die Trierer Baupolizei macht er auch einen ästhetischen Ansatz geltend: „Die Aufstockung dürfte auch städtebaulich zu begrüßen sein, da hierdurch das Haus an der Göbenstraße abgedeckt und eine bessere Eckgestaltung erreicht wird.“

Aus dem ehemals runden Dachabschluss entwickelt Haufs zehn aneinandergesetzte Fassadenelemente, die jeweils aus dreigeteilten Schaufenstern bestehen und knapp drei Meter hoch sind. Sie kragen um 10 Grad nach außen geneigt hervor und umfassen einen stützenlosen Raum von 217 Quadratmetern. Der Architekt erläutert das so typische Design der Fünfziger ganz praktisch: „Die Fensteranlage soll schräg gestellt werden, damit Spielgelungen auf ein Mindestmaß verringert werden.“ Die Fensterrahmen selbst sind aus schmalen eisernen Fensterprofilen, das Glas wird durch Metallleisten gehalten. Wohl zur selben Zeit werden die Fensterrahmen des Untergeschosses, die ursprünglich aus Holz und eingezogenen Holzsprossen bestanden, durch metallene Rahmen ersetzt. Es entstehen große Glasflächen, in denen die Produkte während des Wirtschaftswunders optimal präsentiert werden können. Der nun zweietagige Verkaufsraum wird mit einer raumgreifenden geschwungenen Treppe verbunden, wodurch der untere, ehemals auch stützenfreie Raum, eine charakteristische Änderung im Stil der Zeit erfährt. Bis 1966 nutzen die Gebr. Reichert das Gebäude für ihren Einzelhandel.

Während die Architektur der 50er Jahre heute nicht nur unter Denkmalschutz steht, sondern auch zahlreiche Liebhaber hat, beschwert sich zur Bauzeit ein anonymer Trierer erfolglos bei der Baupolizei: „In der Bahnhofstrasse 18, unweit des Hauptbahnhofs, also des Hauptzugangs der Fremden in der Stadt, entsteht durch Aufsetzen eines Stockwerks, bald 2 Meter vorragend über die übrige Häuserfront, eine derartige Verschandelung der Strasse, bezw. des Entréé’s in die Stadt, dass es dringend geboten erscheint, den Plan zu überprüfen und noch rechtzeitig das Abtragen des im Bau befindlichen Vorbaus zu erwägen. Es dürfte sich sicher eine bessere Lösung finden lassen.“ Diese hat sich nicht gefunden und auch die späteren Mieter haben den Stil des Gebäudes zumindest von außen zur Freude aller Liebhaber der Fifties erhalten.

Im Inneren überlebte die Verbindung der beiden Etagen nur bis 1974. Von 1967 bis 1974 nutzt ein Trierer Gastronom die immense Fläche für die Bastei, ein Restaurant mit Tanzcafé und Bar unter anderem für kabarettistische Darbietungen, Beat-Musik, Stripteasevorführungen, Zauberei und Artistik, wie ein Briefwechsel mit der Stadt Trier verrät. Mit dem Namen der Gaststätte zieht er eine Verbindung zur bekannten Kölner Architektur von Wilhelm Riphahn, der 1924 ein gleichnamiges Restaurant am Rheinufer errichtete – ebenfalls ein polygonaler, glasumfasster Raum mit auskragenden Grundfläche auf vorhandenen Mauern. Doch während die Kölner Küche noch heute hochrangig ist, liefen in der Trierer Bastei am Ende die Ratten über den Tisch, wie die heutige Besitzerin noch gut weiß.

1974 zieht in das Erdgeschoss eine Apotheke ein, womit die Verbindung der beiden Etagen wieder entfernt wird. Oben feiert 1981 die freie Christengemeinde Trier e.V. im Gemeindesaal mit Platz für bis zu 100 Gläubige Gottesdienste, bis sich die Trierer ab 1983 im Bodybuilding Studio Becker Sport ihre Muskeln stählen. 20 Jahre später nutzt das Café Lübke den lichtdurchfluteten Raum unter dem begrünten geschwungenen Dach für Konzerte, Ausstellungen und Kleinkunst. Was die Zukunft für das Gebäude noch bringen wird, ist ungewiss. Sicher ist jedoch, dass es bald wieder anders genutzt werden wird. Die Apotheke musste schließen und auch die Tage des Café Lübke könnten gezählt sein. Das Haus soll verkauft werden.

“Kennen Sie Trier?” – auf einen Blick:

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9 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Sonja Mißfeldt schreibt:

    Kompliment, mal wieder ein hochinteressanter und gut geschriebener Beitrag der Folge “Kennen Sie …”. An dieser Stelle auch mal ein herzliches Dankeschön an 16vor, dass mit dieser Reihe Bauwerke Beachtung finden, die vermutlich jeder im Stadtbild sieht, deren Baugeschichte aber nur wenige kennen.

    Sonja Mißfeldt
    Stadtmuseum Simeonstift Trier

  2. Jörg Schatzmann schreibt:

    Danke für diesen ausgesprochen gut recherchierten Artikel!

  3. Stephan Jäger schreibt:

    Toller Artikel über eine der – nach dem Wasserturm – sicherlich interessantesten “Immobilien” Trieres.

  4. philippe trellert schreibt:

    kann ich mich nur anschliessen.
    von “16vor” sollte es eine – vielleicht wöchentliche ? – printversion geben, dann hätte man endlich eine regionale zeitung, die man auch lesen könnte.

  5. Xeris Kölln schreibt:

    Super Artikel. Macht richtig Spaß zu Lesen. Mehr davon!

  6. Simur Schlegel schreibt:

    Schöner Bericht. Mehr!

  7. Peter Boll schreibt:

    Unvergessen sind die schönen Weihnachtszeit-Eisenbahnanlagen der Fa. Reichert in den Schaufenstern, die uns Nachkriegkinder dort hinströmen ließen!

  8. Ingrid Weyland schreibt:

    Danke für den interessanten Artikel!
    Dieses Gebäude wird auch für mich immer mit der Fa. Reichert verbunden sein. Meine Mutter hat dort eine Zeit lang als Aushilfe gearbeitet. Für mich als Kind damals ganz wunderbar und geheimnisvoll…

  9. J.Kobus schreibt:

    ich bin als kleiner Junge häufig mit meinem Vater an diesem interessanten Gebäude gewesen, letztendlich um die dort ausgestellten Eisenbahnen zu bewundern. Damals ein absoluter Topper unter den sich entwickelnden Geschäften.- eine Bitte: dieses nicht abreissen, aber besser erkennbar machen!!

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