Kennen Sie… das Drachenhaus?

Auf dem Weg zu den Ausflugszielen Wildschweine, Weisshauswald oder Tiergehege lässt man es links liegen, denn es ist im Vorbeifahren kaum auszumachen. Erst wenn man die abschüssige Wiesenfläche des alten Rosengartens betritt, erkennt man die immensen Ausmaße des Drachenhauses. Seinen Namen hat es erst Jahre nach der Fertigstellung erhalten, das Haus selbst hat eine längere Geschichte.

TRIER. Zu römischer Zeit ist der heutige Westteil der Stadt auch außerhalb der Stadtmauer besiedelt. Die Römerbrücke führt über den Fluss zu Grabstellen, Grabmonumenten, Heiligtümern und einem großen Tempelbezirk. Von der Römerbrücke aus führen jenseits des Stadtzentrums drei römische Fernstraßen in die Zentren Reims, Köln und Richtung Andernach. Nach dem Zusammenbruch der römischen Epoche in Trier im fünften Jahrhundert beginnt die Stadt unter den Franken wieder zu wachsen. Es sind vor allem die Erzbischöfe und Klöster, die im frühen Mittelalter neue Häuser gründen und die Wirtschaft ankurbeln.

Eine wichtige Rolle spielt das Benediktinerkloster St. Maria ad Martyres oder auch St. Maria ad Ripa, also am Flussufer. Hier residieren die ersten Bischöfe, hier sind Kanoniker nachgewiesen. Zu einer Hochzeit des Klosters wird im 18. Jahrhundert ein riesiger Neubau mit Kirche errichtet, dessen heute erhaltener Ostflügel das Exhaus beherbergt. Zu dieser Zeit hat das Kloster reiche Besitztümer, die sich bis über die Mosel über den steilen Felshang hinauf ausbreiten. Zu den Ländereien gehört auch das Mergener Grünhäuschen, das an der Stelle des heutigen Drachenhauses gestanden hat.

In relativer Nähe dazu bewirtschaftet das Kloster St. Martin das Weisshäuschen sowie die Schäferei des Gutes Sievenicher Hof auf dem Gelände Ottoscheuer – an der Stelle der heutigen Fachhochschule. Dieses komplette Gelände inklusive aller Gebäude kauft um 1820 Georg Nikolaus Wilhelm von Haw (1793-1862), Sohn eines Kurfürstlichen Hofrats und des Amtsverwalters von Daun und später Pfalzel.

Von 1818 bis 1839 wird Wilhelm von Haw nach einer internationalen Karriere als Jurist Oberbürgermeister von Trier. Er ist einer der ersten, der sich inmitten der Natur niederlässt und damit den westlichen Stadtteil am Berghang zu einem beliebten Baugebiet für spätere Villen macht. Während Haw an der Stelle des Weisshäuschens um 1823 die imposante Villa Weisshaus als sein privates Wohnhaus errichtet, entsteht an der Stelle des Grünhäuschens 1829 das heute sogenannte Drachenhaus. In diese Zeit fällt auch die Heirat mit Elisabeth Franziska Nell, der Tochter eines der reichsten Einwohner der Stadt, dem königlichen Kommerzialrat Christoph Phillip Bernard Nell. Insgesamt nimmt sich die Einheit aus der Privatvilla mit dem Schäfergut und dem heute so genannten Drachenhaus herrschaftlich aus. Die Familie Haw repräsentiert feudalen Lebensstil mit bürgerlicher Nähe, sind doch alle Trierer immer als Gäste in den Parkanlagen willkommen.

Die fast schlossartige Fassade des Drachenhauses mit ausladenden neun Achsen unter einem flachen Walmdach ist für den Zweck des Gebäudes repräsentativ ausgestaltet. Es ist das Ökonomiegebäude, welches zur Hawschen Villa Weisshaus gehört und welche etwa 700 Meter entfernt liegt. An Stelle des Hofs Grünhäuschen unter klösterlicher Führung entsteht eine Dreiflügelanlage mit einem rückwärtig gelegenen Innenhof, der über monumentale Tore zu erreichen ist. Obwohl die beiden hinteren Seitenflügel versetzt zur Fassade stehen, damit sich eine große Fläche bildet, treten sie in der Gesamtansicht komplett in den Hintergrund – wohl auch, weil sie nur eingeschossig sind. Zu erfassen ist die Fassade erst, wenn man den Hang herabläuft und sich mitten in die Wiese der sich anschließenden Gartenanlage stellt.

Diese ist wie das Wildgehege auch nach Fertigstellung immer öffentlich zugänglich gewesen, obwohl es zum privaten Grund und Boden der Familie Haw gehört hat. Die Fenster der neun symmetrischen Achsen variieren schlicht aber spielerisch. Die Seiten des zweigeschossigen Baus werden durch halbrunde Thermenfenster im ersten Obergeschoss betont. Darüber erheben sich zwei niedrige Dreiecksgiebel mit dezentem Schmuck.

Auf dem Dach thront in der Mitte ein achteckiger Dachreiter, darunter nimmt das Oberlicht der Eingangstür die halbrunde Fensterform der Thermenfenster dekorativ auf. Quer über die breite Fassade und die Risalite an den Seiten liegen farblich abgesetzte Gesimse auf der hellgelben Fläche. An den Ecken sind flankierend zwei Drachen aufgesetzt, die dem Haus seinen Namen geben.

Noch vor wenigen Jahren haben wuchernde Pflanzen Details der Fassade bedeckt, Heute zeigt sich das seit Anfang 1999 unter Denkmalschutz stehende Haus in seinen klassizistischen Formen edel und gut in Schuss, die Begrünung ist nicht mehr da. Aus der Bauzeit sind wohl schon Fassadenbegrünungen mit Girlanden oder Spalieren bekannt, jedoch nicht konkret für das Haus am Stuckradweg 5, obschon dies durchaus passen würde.

Die namengebenden kupfernen feuerspeienden Drachen sind für das Wirtschaftsgebäude ursprünglich übrigens nicht vorgesehen gewesen. Sie werden erst um 1870 hier montiert, also acht Jahre nach dem Tod des Bauherrn.

1863 kauft der Statthalter des Großherzogtums Luxemburg, Prinz Heinrich der Niederlande, die Anwesen samt der Gärten, die weiterhin für die Trierer zugänglich bleiben und immer mehr zum Ausflugsort werden. Die Drachen waren einst Wasserspeier an einem Haus in der Trierer Innenstadt, genauer der Simeonstraße, und wurden hier als zusätzliche Dekoration auf den Ecken des Gebäudes platziert.

Prinz Heinrich funktioniert das Gebäude zu einem Wohnhaus für seinen Förster um. Auch heute noch ist in dem Gebäudekomplex die städtische Forstverwaltung nebst einigen Mietwohnungen untergebracht. Bekannt ist das Drachenhaus den älteren Trierer sicher noch von dem einst hier angelegten Rosengarten, doch das ist – genau wie das Weisshaus – ein eigenes Thema.

“Kennen Sie Trier?” – auf einen Blick:

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2 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Helge Klaus Rieder schreibt:

    Das witzige an den Drachen ist, dass sie vollkommen “falsch” angebracht sind – viel zu hoch zum wasserspeien.

  2. Thorsten Kretzer schreibt:

    @Helge Klaus Rieder: Da haben Sie sich aber verlesen, die Drachen speien doch gar kein Wasser sondern Feuer ;-)

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