Kennen Sie… das Haus Britanien?

Trier ist die Stadt am Fluss, die den Anschluss an selbigen verloren hat. Im Straßennamen der Krahnenstraße ist das einstige Leben am Fluss jedoch lebendig geblieben. Mit dem direkt an der Mosel liegenden Krahnen wurden einst Handelswaren aus Schiffen an Land gehoben. Die Straße war über Jahrhunderte eine wichtige Verkehrsachse ins Stadtzentrum. Mit dem Ausbau der großen Autostraße am östlichen Moselufer veränderte sich nicht nur die Straßenführung, auch die Optik in der Krahnenstraße wurde aufgefrischt, mit gotischen Bauten – echt aus den siebziger Jahren.

TRIER. Täglich nehmen noch heute viele Rad- sowie schlendernde Touristen den Weg von der Innenstadt an die Mosel, der im Spätmittelalter eine wichtige Handelsroute war und bis zum 1413 errichteten Krahnen des Trierer Hafens führte. Im Krahnenviertel siedelten Schiffer, Schiffsbauer und Fischer in stattlichen Bürgerhäusern in der Nachbarschaft von großen Klöstern. In seinem Buch “Das Bürgerhaus in Trier und an der Mosel” schreibt Klaus Freckmann: “Als Herz des mittelalterlichen und neuzeitlichen Güterumschlages ist die Krahnenstraße anzusehen, wo noch um 1850 Schiffer lebten.”

In typischer Bauweise standen hier diverse mehrgeschossige steinerne Giebelhäuser. Der Stadtteil wurde in dem Moment weniger attraktiv, als die Handelsschifffahrt Mitte des 19. Jahrhunderts an Bedeutung verlor und das Viertel verarmte. Hiermit einher ging der Verfall der Häuser, die auch immer wieder vom Hochwasser betroffen waren. 1930 schließlich wurde der Hochwasserschutzdamm fertiggestellt und die Straße zumindest für Autofahrer zur Sackgasse.

Die Barmherzigen Schwestern vom heiligen Karl Borromäus, die 1970 Richtfest für ihren großen Krankenhausneubau feierten, errichteten am unteren Ende der Krahnenstraße ein Schwesternwohnheim. Hier wurden Anfang der sechziger Jahre ebenfalls gotische Bürgerhäuser abgerissen, um Platz für die vierspurige Schnellstraße zu schaffen. Das Schicksal ereilte nicht nur Wohnhäuser, sondern auch die weiter nördlich stehende imposante Mühle des Klosters St. Martin.

Genau zwischen der Krahnenstraße und der Martinsmühle stand das Haus Britanien, auch ein gotisches giebelständiges Gebäude. Wie seine Nachbarn stand es im Weg, es wurde abgerissen, die Autos hatten Vorfahrt. Und doch ist dieses Haus im Stadtbild von Trier noch präsent. Das Landesamt für Denkmalpflege forderte die Rekonstruktion des Hauses, dessen Original nach dendrochronologischen Untersuchungen aus dem Jahr 1337 stammt, wie in der Denkmaltopographie der Stadt Trier nachzulesen ist. Da am Krahnenufer aus geschilderten Gründen aber kein Platz mehr war, siedelte man das neue gotische Haus in der Krahnenstraße 18 an.

Dort standen einfache Häuser, welche aber wegen zu großen Verfalls nicht mehr zu retten waren. Ein Artikel aus der Trierer Landeszeitung von 1959 zeigt einen ramponierten Straßenzug. Die Bildunterschrift macht deutlich, wie man sich die Krahnenstraße Ende der 50er Jahre in etwa vorstellen muss: „Das Haus ist über 500 Jahre alt und baufällig: in ihm wohnen neun Familien mit zehn Kindern. Wohnen kann man nicht gut sagen, denn die Räume sind ein Notquartier. […] Die Stromgebühren übersteigen das Doppelte der Miete, weil die Einwohner wegen der Dunkelheit der Zimmer tagsüber Licht brennen lassen müssen. Für die Kinder sind die Wohnverhältnisse in gesundheitlicher Hinsicht alles andere als fördernd.“

Um ein interessantes Ensemble mit dem neu entstehenden Schwesternwohnheim zu kreieren, entschloss man sich, 1970/1971 sowohl dieses Haus als auch die beiden links davon stehenden Giebelhäuser abzureißen. In die große Baulücke hinein wurden links die beiden Giebelhäuser rekonstruiert, das rechte, historisch anmutende Haus ist die Rekonstruktion des ehemals direkt am Ufer stehenden Hauses Britanien. Das gesamte Ensemble wurde zu Wohnzwecken für den pflegerischen Nachwuchs geplant, weswegen hinter den historisierenden Fassaden Zweckbauten stecken.

Im Stadtmodell des Stadtmuseums Simeonstift ist das Haus Britanien an seinem ursprünglichen Ort sowie die gesamte Uferbebauung um 1800 gut zu sehen und die damalige Topographie gut nachzuvollziehen. Das Haus Britanien trägt seinen Namen wohl schon seit langer Zeit. Aus dem Jahr 1904 stammt eine einleuchtende Erklärung, welche der Beigeordnete a.D. Lück in der Trierischen Chronik liefert. Das lateinische Wort “prytaneum” bedeutet genau wie “horrea” „Getreidespeicher“ und stellt so die räumliche Nähe zu den römischen Getreidespeichern im heutigen Irminenfreihof her.

Die heute durch die Krahnenstraße Flanierenden sehen also Fassaden, die den gotischen Bürgerhäusern nachempfunden sind, die einst an dieser Stelle standen. Dieser Eindruck, ein historisches Ensemble zu entdecken, welches an die mittelalterlichen Glanzzeiten der Handelsstraße erinnert, mag zwar ein falscher sein, doch ist dieser Straßenzug einer der wenigen Triers, in der ein wenig die Zeit stehengeblieben zu sein scheint – wären hier nicht die vielen Autos.

“Kennen Sie Trier?” – auf einen Blick:

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6 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Stephan Jäger schreibt:

    „Trier ist die Stadt am Fluss, die den Anschluss an selbigen verloren hat.“

    Enlich wieder 16vor und dann gleich solch ein (leider) epochales Satzgebilde. ;o)

  2. Kari Werners schreibt:

    Tja, so wurde und wird in Trier Denkmalpflege betrieben. Im Zweifel siegen Investoren oder Autobürger: Abriss, Totalumbau und Fassadenkosmetik für Touristen. Weitere Beispiele gefällig? Palais Walderdorff-Entkernung, Umbau Schwarzer Ochse am Hauptmarkt, Vergewaltigung des Dreikönigenhauses mit Rieseneingangsloch fürs Cafe, Jüdemerstraße (erinnert sich noch jemand dran?), ans Alleencenter angeklebte Fabrikfassaden, ganz aktuell die Hauptpost am Kornmarkt usw usf. Mit dem echten, alten Trier hat das nichts zu tun, aber sieht halt lieb und nett und porentief rein aus. Pseudogotische Häuser, “echt aus den siebziger Jahren”. Geschichtlich ungefähr genauso echt wie die ewiggleichen Mittelaltermärkte oder “Spektaculums” und sonstiger kitschiger Kommerzkram. Sauwer.

  3. Stephan Jäger schreibt:

    @Kari Werners

    Naja, das „Schicksal“ der Hauptpost war ja - leider - für jeden absehbar, der seinerzeit die Ereignisse um das Eckhaus Merianstraße/Friedrich-Ebert-Allee verfolgt hat.

  4. Sönke Greimann schreibt:

    Denkmalpflege wird leider Gottes heutzutage oft als Auftrag missverstanden, eine Stadt in ein in Stein gemeißeltes Stilleben zu verwandeln, wo jeder, der maulen kann, verhindern darf, dass sich was verändert… und sei es nur, damit er sich nicht an einen neuen Anblick gewöhnen muss, wenn er das nächste Mal zum Mantelsonntag durch die Stadt flaniert.

    In Tell-es-Sultan bei Jericho sind auf 21m Höhe 23 unterschiedliche Besiedlungsschichten aus 11.500 Jahren zu finden. Gottlob. Hätte es damals schon Kari Werners und den Denkmalschutz gegeben, wäre die Welt dort vermutlich kurz hinterm Neolithikum stehengeblieben.

    Ganz ehrlich? Geschichte verändert die Welt. Doch, tut sie. Und viele großartige Dinge wurden erst deshalb geschaffen, weil man dafür was anderes einfach kaputtgemacht hat. Neu muss nicht notwendigerweise besser sein, aber wer will schon in einem Diorama leben, das sich selbst genügt, und die Bedürfnisse der Menschen nicht mehr berücksichtigt. Dazu gehört eben auch ein Ein- und Ausgang fürs Café. Ich glaube nicht, dass man viel Freude daran hat, im Brandfall mangels Fluchtweg total denkmalgetreu zu verbrennen…

  5. Stephan Jäger schreibt:

    @Sönke Greimann

    Gegen gekonnt gemachte „Veränderung“, Herr Greimann, hat kein Mensch etwas. Aber möglicherweise gegen eine Mischung aus Eifelbarock, gierigem „Rendite“streben und falsch verstandenem Nachstümpern irgendwelcher großstädtischer „Renomierprojekte“ an von Meisterhand geschaffener historischer Bausubstanz.

    Es gibt ihn halt, den Qualitätsbegriff. Auch bei Veränderung und Modernisierung und Denkmalpflege.

    Aber ich bin ganz sicher, Sie verstehen auch dieses Mal nicht, was ich meine.

  6. Kari Werners schreibt:

    @ Sönke Greimann

    Dann planieren wir doch am besten Trier und machen ne supergeile Shoppingmall draus (Wie wär’s mit “Trumpets-of-Jericho-Mall”?). Das wäre dann sicher etwas “Großartiges”, noch großartiger als das großartige Alleencenter oder die romantische Trier-Galerie. Wo hat denn in Trier jemals irgendeine Denkmalpflege irgendein großartiges “Projekt” verhindert??? Nennen Sie mal Beispiele. Naja, Sie haben eh total am Thema vorbei geschrieben. Ich habe kein Wort gegen Veränderung gesagt. Aber dieser pseudohistorische Kitsch der 70er Jahre-Gotikhäsuer ist Geschichtsfälschung und keine Geschichte. Wenn Sie meinen, ein Palais Walderdorff ohne H&M wäre Neolithikum, und das Cafe im Dreikönigenhaus (war jahrzehntelang mit denkmalgerechten Fenstern in Betrieb und keiner ist verbrannt) wäre jetzt “großartig”, dann zeigt das nur, dass in den Schulen ein Fach wie Kunsterziehung viel stärker gefördert werden muss. Und über die angeblchen “Bedürfnisse der Menschen” könnte man eh lange diskutieren.

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