Kennen Sie… das preußische Schloss?

Grau, schlicht, sachlich, zig Fenster und fast ein eigenes Karree auf dem Weg vom Hauptbahnhof in Richtung Innenstadt: Das imposante Verwaltungsgebäude der ehemaligen Trierer Reichsbahndirektion verbirgt hinter seiner monumentalen Fassade unerwartete Details. Mit mehr als 300 Räumen zählt das Anwesen zu den größten Immobilien der Stadt. Im Keller des vor 85 Jahren errichteten Gebäudes wütete einst die Gestapo und folterte Gegner des NS-Regimes. Heute residiert hier das Mehrgenerationenhaus, in dem gleich mehrere Verbände und Einrichtungen ihren Sitz haben.

TRIER. Deutschland – Behördenland. Das Vorurteil wurde in einer Zeit geboren, als die preußische Regierung Verwaltungsbauten errichten ließ, die an die Schlösser aus früheren Jahrhunderten erinnern. Hier wurde verwaltet, bilanziert und auf den Weg gebracht, was den Freistaat Preußen wirtschaftlich erfolgreich machte. In Trier war vor allem die Anbindung an das Eisenbahnnetz entscheidend für den Aufschwung und die Entwicklung der Stadt nach dem Ersten Weltkrieg.

Schon seit 1914 waren die Verbindungen in den Westen und Süden gut ausgebaut, als Station zwischen dem Ruhrgebiet und Frankreich wurde Trier zum belebten Standort für Gewerbe und Handel. Nach dem Weltkrieg war Trier für ein gutes halbes Jahr Sitz der Zentraleisenbahndirektion, welche die Erlasse der linksrheinischen Eisenbahndirektionen Köln und Saarbrücken verwaltete. Wenige Monate später wurde die Eisenbahndirektion Saarbrücken aufgelöst und nach Trier verlegt – samt 500 Mitarbeitern. Für dieses Team mussten Arbeitsplätze und Wohnungen geschaffen werden, die der Architekt, Regierungs- und Baurat Karl Albermann plante und in den Jahren 1922 bis 1925 errichtete. Eine Plakette, die an einen überdimensional großen Kronkorken erinnert, dokumentiert die Bauzeit an einem Nebeneingang in der Christophstraße.

Die Reichseisenbahndirektion an der Ecke Balduinstraße/Christophstraße wurde Verwaltungsgebäude und Wohntrakt in einer Einheit. Als vierflügelige Anlage ist das Gebäude auf einem typischen Schlossgrundriss mit einem L-förmigen Anbau im Osten errichtet worden, der an der Balduinstraße die Wohnungen der preußischen Beamten beherbergte. Der Haupteingang, der ebenfalls in den Anbau führt, ist mit Fassadenschmuck und vorgelagerten Balkonen ausgewiesen. Diese Asymmetrie zeigt, dass der Architekt bewusst von den historistischen Architekturformen der Gründerzeit Abstand genommen hat.

Von außen ist das Gebäude schlicht gehalten. Auf einem Erdgeschoss mit gedrungen wirkenden rundbogigen Arkadengängen an den Straßenseiten erheben sich drei Stockwerke mit eher kleinen einfachen Sprossenfenstern. Der mit wenigen Stufen etwas erhöhte Eingangsbereich ist ebenfalls mit Rundbögen gekennzeichnet und über einen dreieckigen Vorplatz zu erreichen. Das Schlichte war so gewollt, wie die Urkunde zur Grundsteinlegung verrät, die Karl-August Heise in seinem Buch “Die alte Stadt und die neue Zeit” zitiert: “…soll ein Bau errichtet werden, in einfachsten Formen, welche auch nach außen erkennen lassen, daß unser Vaterland durch das Friedensdiktat von Versailles arm geworden ist”.

Einziger “Schmuck” ist das von zwei barbusigen Damen flankierte Wappen mit den Initialen RBDT für Reichsbahndirektion Trier, welches im Detail expressionistische Zickzacklinien aufweist. Begleitet wird das Wappen beidseitig von jeweils zwei Medaillons, unter anderem mit Tier- und Pflanzenmotiven. Aussagekräftiger sind die Medaillons an dem Gebäudeflügel, der mit seiner Schmalseite Richtung Balduinstraße weist. Die drei runden Reliefs zeigen Bezüge zur Eisenbahn. Links schmiegt sich eine starke Frau mit antiken Zügen an eine Lokomotive, rechts hält ein athletischer Jüngling Blitze fest als Allegorie auf die Elektrifizierung der Eisenbahn in den vorangegangenen Jahrzehnten. In der Mitte nimmt der Götterbote Hermes mit seinem Schlangenstab eine zentrale Position ein – als Schutzgott des Verkehrs und der Reisenden.

Ein eher unauffälliger Eingang befindet sich an dem Anbau in der Balduinstraße, in dem die Wohnungen der Mitarbeiter platziert wurden. Auch hier gliedert sich die Fassade asymmetrisch durch die vier bis auf den Boden reichenden Fenster, welche die Räume mit mehr Tageslicht versorgen, oberhalb und neben der Haustür. Schlossähnlich symmetrisch dagegen präsentiert sich die Fassade des Flügels entlang der Deworastraße. Der dreigeschossige Mittelteil mit Mansarddach wird von zwei viergeschossigen Gebäudeteilen flankiert, von denen eine Ecke modern abgerundet ist – ein erster Hinweis auf spätere Großstadtarchitektur, welche dieses Motiv gerne variierte.
Das Innere des Gebäudes mit 320 Räumen und knapp 9.000 Quadratmetern Nutzfläche ist vergleichsweise spielerisch gestaltet – im Gegensatz zur beinahe zeitlosen Außenwirkung mit überschaubaren Details.

Schon das Foyer mit seinen achteckigen Säulen und dem monumentalen Haupttreppenhaus lässt erahnen, welch hohen Stellenwert die Direktion hatte – ohne nach außen zu sehr zu protzen. Vorherrschend ist auch hier die Verwendung von expressionistischem Dekor. Alle Türen haben profilierte Steingewände mit erhabener Zimmernummer. Besonders die erste Etage ist im Flur mit zeitgenössischen Ornamenten geschmückt, die teils abstrakt aber zuweilen auch figürlich sind. Das Portal – wahrscheinlich zu den Räumen des Trierer Reichsbahndirektors – ist besonders durch zackige Reliefs und einen zarten Frauenkopf betont, der so gar nicht zu den eher tumben Medaillons daneben zu gehören scheint. Auf dem ersten spielt eine Putte mit Mozartfrisur mit einer Eisenbahn während daneben ein Kind mit derben Stiefeln bis zur Hüfte mit einem Riesenschritt einen Zug überquert. Vom Zauber der Siebenmeilenstiefel keine Spur.

Es ist das Gesamtkunstwerk des Gebäudes, das im Inneren vor allem in den schlicht weiß und grau gehaltenen Fluren architektonisch überzeugt. Die Flure mit Farbfassungen in braun, beige und orange lassen die Räume duster und unzeitgemäß wirken. Das zentrale Treppenhaus mit einem mittig eingepassten Aufzug zeigt in einem Detail, dass Karl Albermann gerade das streng Monumentale mit zartem Unerwartetem kombiniert. Einfach stilisierte farbig gefasste Äpfel machen das eiserne Treppengeländer zu einem Kunstwerk an sich. Auch der obere Abschluss des Treppenhauses mit einem expressionistisch geschmückten Pfeiler zeigt, dass alle Ebenen des Gebäudes, also auch in der Verwaltung, das Recht auf etwas Schönes haben. Jede der zahlreichen achteckigen Säulen ist mit sternförmigen Profilen gestaltet.

1935 verlor Trier den Sitz der Eisenbahndirektion wieder an Saarbrücken, seitdem hat das Gebäude unterschiedliche Nutzungen erlebt. In der Zeit des Nationalsozialismus hatte die Trierer Gestapo hier ihr Hauptquartier. Im Keller im zweiten Untergeschoss wurde gefoltert und von hier aus gelangten die Verfolgten zum nahe gelegenen Güterbahnhof – und von dort zum Transport in die Konzentrationslager. Heute beherbergt das Gebäude verschiedene soziale Einrichtungen, Büros und Unternehmen. Zur Zeit wird das Anwesen in Zusammenarbeit mit der städtischen Denkmalpflege renoviert. “Mitte nächsten Jahres ist die Renovierung abgeschlossen”, erläutert Berthold Breser von der Trierer Triwo AG, welche die Immobilie verwaltet. “Dann wird auch der große Innenhof aufgewertet, von hier aus gelangt man dann in die verschiedenen Flügel.” Neu sind hier die Lüftungsschächte der Tiefgarage, welche derzeit im ersten Untergeschoss ausgebaut wird. Dies sei eine zeitgemäß notwendige Maßnahme, um das Haus vermieten zu können, so Breser.

Mit einem freundlichen Anstrich – zwei helle Farbproben sind an der Ostseite der Fassade schon zu sehen – wird auch die Außenwirkung des Hauses besser zum Inneren passen.

“Kennen Sie Trier?” – auf einen Blick:

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8 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Hautzenthiel schreibt:

    Tolle Serie!!

  2. Dominik Heinrich schreibt:

    ein interessanter Artikel! Leider endet er da, wo es richtig spannend wird und vom Streit zwischen profitgierigen Investoren und engagierten Denkmalpflegern erzählen könnte.

    Ich bezweifle, dass die Triwo und auch die derzeitigen Nutzer den bauhistorischen Wert dieses Gebäudekomplexes erkennen bzw. ausreichend würdigen. Die mir bekannten Planungen und deren Kommentare zum Bestand geben Grund daran zu zweifeln.

    Ein Innenhof und eines der schönsten alten Trierer Gärten werden einem eingepflanzten Parkhaus geopfert – das weitaus mehr Stellplätze schaftt als erforderlich wäre.

    Der Rechtsstreit um die Umgestaltung der Dächer war lange Zeit in der Presse zu verfolgen. Der gefundene “Kompromiss” trägt dennoch dazu bei, den Gebäudecharakter zu verändern. Zu befürchten ist auch, dass die Gebäudeerschliessungen und Treppenhäuser ihrer Raumwirkungen beraubt werden.

    Ein weiterer spannender Aspekt ist die Taktik der Triwo: wie sie ihre gemeinnützigen Mieter mit Halb- und Falschinformationen gefüttert hat, damit sie in der Öffentlichkeit Stimmunge für ihre profitorientierten Ziele erzeugen.

    Zum Schlus: Ein “freundlicher Anstrich” ist kein Beweis einer Renovierung im Sinne der Denkmalpflege. Schade, wenn ein informativer Artikel mit einer Plattitüde endet.

    (Anm. d. Red.: Dominik Heinrich ist Mitglied der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Stadtrat und Ortsvorsteher von Trier-Mitte/Gartenfeld)

  3. fraglich wofür schreibt:

    Die Gefälligkeits-Leserbriefe mit Null Inhalt nerven. Ist ja schön, wenns jemandem gefällt. Aber vielleicht würde man auch gerne erfahren, WARUM.
    Genauso wie schon in vielen anderen “Wie toll!”-Zuschriften zu Artikeln derselben Autorin, hier eine Auswahl:

    Hautzenthiel schreibt:
    26. November 2010 (07:38 Uhr)

    Günther Heil schreibt:
    11. Oktober 2010 (17:38 Uhr)

    Ralf Wigger schreibt:
    28. Juli 2010 (09:12 Uhr)

    Jan schreibt:
    17. Juli 2010 (09:48 Uhr)

    student scholarships schreibt:
    21. Juli 2010 (18:22 Uhr)

    tetrapanax schreibt:
    8. Mai 2008 (00:20 Uhr)

    Finde den Artikel auch OK, aber mir fehlt etwas: die Fotos. Ein beschriebenes Gebäude ist wie ein beschriebenes Mittagessen. Gut für Architekten und Kunsthistoriker, vielleicht. Richtig am Platz in einem Online-Magazin, das sich nicht täglich um Leserschaft bemühen muss. Aber: das Internet ist ein Multimedia-Spielplatz, und gerade bei solchen Textlein muss Raum sein für Video, Diashow, Audiokommentar etc. Und gerade hier sollte 16vor punkten ggüber Medien wie Trier-Jahrbuch, TV etc. Gerade bei einer Serie wie dieser. Bspw mit einer kommentierten Foto-Serie. Schade, Chance verpasst.

  4. Kneilewatz schreibt:

    Sehr schöner Artikel in der Serie über Trierer Gebäude in ihrem historischen Kontext!

    Volkskundlicher Nachtrag: Obwohl Trier den 1918 für das Kaiserreich “verlorenen” Eisenbahn-Verkehrsknoten Metz ersetzen musste, blieb er in Trier sprichwörtlich, der “Betrieb wie uff’m Metzer Bahnhof”.

  5. Claus schreibt:

    Sehr schöner Bericht, bitte mehr davon!

  6. zahnfühler schreibt:

    hab dort noch keine gedenktafel gesehen oder ähnliches was auf die düstere vergangenheit der nutzug dieses gebäudes hinweisen würde…!!??
    übersehen oder gibt es dies nicht??!!
    sollten sich auch die heutigen nutzer samt triwo mal nen kopf drüber machen gehört auch zur sozialenarbeit und würde sich in der aussendarstellung positiv auswirken.

    sollte es dort schon was angebracht sein bitte bekannt machen….

  7. Schamzerpört schreibt:

    @zahnfühler
    Nö, Deine Augen funktionieren, es gibt keine Gedenktafel. Aber was nicht ist… sollte baldmöglichst sein. Triwo, heutige Nutzer, AG Frieden, da sollte man doch was auf die Füße stellen können.

    @fraglich wofür
    “Gefälligkeits-Leserbriefe”? Mensch, wir leben doch im Zeitalter der Kudos, ich muss doch nicht immer wissen, warum jemandem ein Beitrag gefällt. Was hingegen den Hinweis auf Multimedia angeht: gute Idee, hier ist das Potenzial von 16vor bei weitem noch nicht ausgereizt.

    @Dominik Heinrich
    Ich verstehe den letzten Satz rein ästhetisch, nicht politisch. Ich bin mir nicht sicher, ob die Triwo-Aktivitäten in einer solchen Serie portraitiert werden müssen. Jedoch: vielleicht trägt der Beitrag ja auch dezent zum “agenda setting” bei?

  8. Mika schreibt:

    Beachtenswerter Beitrag.Ich habe ein paar tolle Denkanstoesse gekriegt. Freue mich schon auf weitere Beiträge.

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