Kennen Sie… den alten Geldtempel?

Einem Tempel gleich beherrscht die ehemalige Reichsbank die Ecke Christophstraße/Kochstraße. In der ehemaligen Kassenhalle, welche die Höhe der Rundbogenfester im erhöhten Erdgeschoss hatte, sind heute zwei Etagen mit Arztpraxen und Wohnungen eingebaut. Foto: Bettina LeuchtenbergSieben monumentale Säulen bilden die Fassade der ehemaligen Reichsbank in der Christophstraße. Einst als pompöse Nebenstelle der Berliner Zentrale errichtet, machte sie die Bedeutung des Geldinstituts auch in der westlichen Provinz deutlich. Während die Reichsbanken bis etwa zur Jahrhundertwende oft gleichförmig gestaltet waren, wurden die Gebäude in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts immer individueller.

TRIER. Seit ihrer Gründung im Jahre 1876 hatte die Reichsbank als öffentliche Institution die Aufgabe, den Preis und das Volumen des Geldes zu bestimmen und Banknoten auszugeben. Die Vorgängerin der Deutschen Bundesbank etablierte ein einheitliches Währungssystem und ersetzte mit “Mark” und “Pfennig” die bis dahin gültigen gewachsenen Landeswährungen wie beispielsweise den norddeutschen Taler oder süddeutschen Gulden. Im Jahr der Gründung verfügte die Reichsbank neben der Reichshauptbank in Berlin über 16 Hauptstellen, 43 Stellen, drei Kommanditen, 112 Nebenstellen und 27 Warendepots. Die Nebenstelle Trier wurde in den Jahren 1901 bis 1903 errichtet.

Zuständig für die Neubauten war das Reichsbankbaubüro mit Sitz in Berlin. Dieses leitete ab dem Jahr 1883 der 1834 in Trier geborene Geheime Baurat Dr.-Ing. Julius Emmerich. Der Trierer war ab 1904 auch für die Hochbauverwaltung zuständig und unter seiner Ägide entstanden so wichtige Staatsbauten wie das Pergamon-Museum, die Akademie der Bildenden Künste oder das Abgeordnetenhaus in Berlin. Zusammen mit dem entwerfenden Architekten Maximilian Hasak realisierte er neben zahlreichen anderen Bankgebäuden die Trierer Nebenstelle in der Christophstraße. Auch nach seiner Pensionierung widmete er sich noch zehn Jahre lang der Reichsbanktätigkeit, wie Margit Heinker in ihrer 1998 erschienenen Dissertation zur Architektur der deutschen Reichsbank ausführt.

Der grimmig schauende Reichsadler dominiert die Kapitelle der acht kannelierten Säulen der Trierer Reichsbank. Foto: Bettina LeuchtenbergDie ehemalige Reichsbank in Trier liegt zentral am die Altstadt umrundenden Grüngürtel, der die mittelalterliche Stadtmauer nachzeichnet. Die Stadtfläche von Trier hat sich zur Jahrhundertwende schon deutlich erweitert und das Bankgebäude wird in die vorhandene Architektur der Christophstraße gesetzt. Neu ist die 1902 angelegte Kochstraße, welche den Alleenring mit der Sichelstraße verbindet und als Namensgeber Richard Koch hat. Dieser war von 1890 bis 1908 Präsident des Reichsbankdirektoriums und damit höchster Amtsträger der damaligen deutschen Geldwirtschaft.

Die optisch wie ein antikisierender Tempel in Sandstein ausgeführte wuchtige Reichsbankfiliale steht genau auf der Ecke von der Christoph- zur Kochstraße. Seine sieben knapp 12 Meter hohen kannelierten Säulen mit aufwändig gestalteten Kompositkapitellen, die in sich jeweils den Reichadler zeigen, gliedern die Hauptfassade an der Christophstraße 14. Sie ist unter einem breiten Gesims zweigeschossig ausgebildet. Im Erdgeschoss befinden sich hohe Rundbogenfenster, hinter denen sich im östlichen Bereich die Kassenhalle befand, im oberen Geschoss sind die Fenster rechteckig. Während zur Bauzeit das Hauptportal zur Reichbank zwischen den beiden westlichen Säulen lag, wurde dieser Eingang später zu einem Fenster verändert. Die schmale Seite an der Kochstraße hat nur an den beiden Ecken Säulen und ist ansonsten lediglich in der Mitte durch Fenster und einen Balkon geschmückt.

Ursprünglich befand sich der Eingang in die Bank zwischen den beiden rechten Säulen an der Christophstraße. Spätestens seit den umfangreichen Umbauten der späten Sechziger Jahre befindet sich der Eingang in der Kochstraße. Foto: Architekturbüro Werner SchaackDie als Tempel gestaltete Nebenstelle in Trier hat weder architektonische Vorgänger noch entsprechende Nachfolger innerhalb der zahlreichen Neubauten der Reichsbanken. Waren die Gebäude bis zur Jahrhundertwende eher historistisch wie beispielsweise in Bocholt oder Gütersloh, wurde die Fassaden ab 1900 immer individueller, aber auch immer unspektakulärer. Es wurde Wert darauf gelegt, dass die Baukörper in die jeweilige Umgebung gut herein passen und so fast mit Wohnhäusern verwechselt werden konnten, wie zum Beispiel die Gebäude in Traben-Trarbach oder Rüdesheim zeigen. Die Reichsbanken werden immer weniger monumental und immer öfter von örtlich beauftragten Architekten ausgeführt.

Von der ehemaligen Reichsbank-Nebenstelle in Trier ist heute lediglich die Fassade zu sehen. Sie steht seit 1993 unter Denkmalschutz. Im Inneren erinnert nur noch das Kellergeschoss an die ursprüngliche Nutzung, denn die 80 Zentimeter dicken, damals hochmodernen Stahlbetonwände der Tresorräume gibt es heute noch und bieten einbruchssichere Unterstände für die Mieter des Anwesens. 1967 und 1968 wurde das Gebäude im Inneren komplett umgestaltet, nicht nur die massiven Säulen und die Kassettendecke der monumentalen Schalterhalle verschwanden hier, auch die kleinteiligen Fenster wurden durch durchgängiges Panzerglas ersetzt. Die dann hier in glattem, weißen und schmucklosen 70er-Jahre-Interieur mit eingezogener Galerie residierende Landeszentralbank verlegte ihren Standort schließlich an die Metzer Allee. Daraufhin wurden ab dem Jahr 2001 nochmals umfangreiche Bauarbeiten an dem Gebäude vorgenommen, dann aber in enger Übereinstimmung mit der städtischen Denkmalpflege.

Die komplette Schalterhalle wurde in den späten Sechziger Jahren ausgebaut, inklusive der Kassettendecke und den monumentalen Säulen. Ein solcher Eingriff wäre heute nicht mehr vorstellbar, nur die übriggebliebene Fassade steht seit 1993 unter Schutz. Foto: Architekturbüro Werner Schaack“Wir konnten die ehemalige Fensterform nicht nur anhand von zeitgenössischen Fotografien rekonstruieren”, erinnert sich der Architekt Peter Bouché, der für das Büro Werner Schaack die Umbauten leitete. “Die Maler, welche zu Beginn des Jahrhunderts die hölzernen Fensterrahmen gestrichen haben, hatten so großzügig Farbe aufgetragen, dass das Holzprofil an den Steinwänden abzulesen war und wir die Fenster originalgetreu nachbauen lassen konnten.” Nicht unter Denkmalschutz stand hingegen das Rohrsystem, welches den Tresorraum mit einer im Obergeschoss liegenden Angestelltenwohnung verband. “Hätte jemand mit schwerem Gerät versucht, den Tresorraum nachts zu knacken”, erklärt Bouché, “dann wäre dies oben am geöffneten Stöpsel in der Schlafzimmerwand sofort zu hören gewesen.”

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