Kennen Sie… den Treppenturm?

Eingequetscht zwischen Gebäuden des 20. Jahrhunderts erhebt sich an der Biegung von der Stresemannstraße in die Fußgängerzone dennoch stolz ein weiß verputztes Gebäude mit markanten roten Fenstereinfassungen und Treppenturm. Dass das ehemalige Hinterhaus, eines der wenigen erhaltenen Renaissancegebäude seiner Art in Trier, sich heute allen Flanierenden direkt zeigt, ist das Ergebnis eines massiven Straßendurchbruchs.

TRIER. Dort, wo den Heuschreckbrunnen heute ein kleiner Platz umgibt, standen bis 1940 Häuser. Es bedarf einiges an Vorstellungsvermögen, sich die Topografie vorzustellen und die Entwicklung der großen innerstädtischen Kreuzung zu verstehen. Am einfachsten ist es, sich die Stresemannstraße wegzudenken. Lief man die Nagelstraße vom Sonnenblumenhaus an entlang der durchgängigen Bebauung immer weiter Richtung Kreuzung und nahm die nach links führende Biegung, erreichte man den Anfang der Brückenstraße. Und zwar auf der Seite, auf der sich heute ein Weinlokal und ein Bücherladen befinden. Das damalige Haus Brückenstraße 1 stand genau in der Biegung hatte beträchtliche Ausmaße nicht nur an der Straßenseite. Ein langgestrecktes Hinterhaus flankierte einen Hof, an den sich ein Hinterhaus mit Treppenturm anschloss. Genau dieser ist heute von der Straße aus sichtbar.

1940 nämlich beschloss die Stadt Trier, eine Brandgasse zu errichten. Durch die Anlage dieser neuen Straße wurde erstmals eine Verbindung der Kreuzung – vorbei an der Kirche St. Antonius – mit dem Viehmarkt geschaffen. Diese Brandgasse hat damit auch die Jüdemerstraße durchbrochen. Die geschlossene Architektur an der südlichen Seite der Kreuzung von Brücken-, Johannis-, Metzel-, Fleisch- und Nagelstraße wurde abgerissen und von dem Gebäude Brückenstraße 1 bleibt nur das Hinterhaus bestehen. Später wird die Brandgasse dann nach dem Reichskanzler und Friedensnobelpreisträger Gustav Stresemann (1878-1929) benannt.

Das dreigeschossige Giebelhaus mit dem polygonalen Treppenturm hat nun die Adresse Stresemannstraße 3 und ist eines der wenigen erhaltenen Renaissancegebäude seiner Art in Trier. Der Kernbau stammt aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und wurde als Wohn- und Geschäftshaus genutzt. Die Fassade des Hauses ist weiß verputzt, die Fenster werden von roten Sandsteingewänden gerahmt. Das Portal ziert ein dreiteiliges Fassadenrelief mit einer zentralen Figur, die von wappenähnlichen Teilen mit christlichen Symbolen flankiert wird. Rechts ist das Herz Jesu zu sehen, links ein von einem Kreuz bedeckter Giebel, der unter zwei Rad- oder Nimbuskreuzen zu finden ist. Im Inneren des Treppenturmes ist eine Wendeltreppe erhalten, die bis in die obersten Turmgeschosse führt. Die Fachwerkkonstruktion stammt jedoch nicht aus der Bauzeit, sondern wurde im 19. Jahrhundert ergänzt.

Das mit dem Portalschmuck aufwändig gestaltete Hinterhaus gehörte zu der sogenannten Wolff’schen Apotheke. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist hier eine Apotheke von Apotheker Winterseel nachgewiesen, der im Jahr 1901 wohl neue Regenrohre an das gesamte Anwesen anbrachte, wie der Plan aus der Bauakte nahelegt. Noch heute trägt die Apotheke im gegenüber liegendem Haus Venedig den Namen Wolf Apotheke, was wohl eine Reminiszenz an das alte Gebäude darstellt.

Der Treppenturm selbst steht seit Anfang 1996 unter Denkmalschutz. An seiner linken Seite hat Korb Regnery 1959 ein damals topmodernes Geschäftshaus angebaut. Fotos aus der Bauzeit zeigen einen stark angeschlagenen Treppenturm mit bröckelnder Fassade und unverputztem Ziegelwerk in der Fachwerkkonstruktion des Daches. Der Treppenturm, der „Regnery-Altbau“, wurde saniert und zu einem richtigen Schmuckstück gemacht, das heute seine besten Jahre schon wieder hinter sich hat. Zerborstene Scheiben und ein tiefer Riss über dem Portal zeigen an, dass das Bauwerk ein wenig mehr Pflege gebrauchen könnte, um auch weiterhin an seinen Aufstieg zu erinnern – vom Hinterhofdasein zum stolzen Haus am Platz mit erhobener Fachwerkhaube.

“Kennen Sie Trier?” – auf einen Blick:

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4 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. T. Albrecht schreibt:

    Schöner Artikel. Toll immer wieder was neues über Trier zu lernen :)

  2. Ute Bartzen schreibt:

    Ich habe damals bei Korb Regnery ein gutes Jahr gearbeitet und den Treppenturm live miterleben dürfen. Er wurde zu Geschäftszeiten als Lagerraum genutzt und ist mir mit dem schweren Aufstieg in Erinnerung geblieben. Nicht immer in guter, da es dort doch leider einiges an Ungezifer gab.
    Als historisches Gebäude liegt es ja leider im Dornröschenschlaf. Mit einer fachgerechten Sarnierung sieht sich seit dem Besitzerwechsel wohl jeder überfordert.
    Ich finde das mehr als schade, denn es wurde soviel Geld und Arbeit in das Sonnenblumenhaus und den angrenzenden Neubau verwendet, da sollte es doch möglich sein ein solches Schmuckstück wieder herzurichten.

  3. Bernard Seibel schreibt:

    Ich erinnere mich noch sehr gut an den alten Zustand des Turms Mitte der 50er Jahre, denn ich wohnte unweit davon in der Fleischstraße 34/35/36. Im Turm wohnte eine Frau Winterseel – vielleicht die Tochter des Apothekers – die immer mit langen Röcken und wagenradgroßen Hüten herumlief. Wir Kinder hatten irgendwie unbegründet Angst vor ihr, weil sie so exotisch aussah. Das hielt an, bis ich ihr eines Tages etwas in den Turm bringen musste (weiß nicht mehr was). Da erlebt ich sie als freundliche und umgängliche Frau.
    Weiß jemand mehr über sie? Gibt es Fotos vom damaligen Zustand des Turms?

  4. Alfred Zimmer schreibt:

    Ein weitläufig Verwandter von mir, Architekt Peter Schnoor benutzte vom Ende
    des letzten Weltkrieges bis Anfang der 1960er Jahre (ca. 1962) die oberen Stockwerke des Treppenturmes als Architekturbüro. Ich selbst habe ihn dort ein- oder zweimal besucht.
    Er war an diversen Umbauten des damaligen Textilhauses “Insel” – heute Sinn& Leffers – sowie am Neubau des Geschäftshauses gegenüber der “Blauen Hand” in der Brotstraße (heute Langhardt), und, soweit ich mich erinnere, an Umbauarbeiten am Textilhauses Hochstetter (damals:Hochstter&Lange) federführend beteiligt.
    Auch mehrere Industriebauten (Auer-Gesellschaft in Trier und Berlin) und viele andere hat er betreut.

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