Kennen Sie… die neue Brücke?

Wenn alteingesessene Trierer von der “neu Brück” sprechen, ist von einem schon in die Jahre gekommenen Bauwerk die Rede. Gemessen an der über Jahrhunderte einzigen Moselquerung der Stadt, der Römerbrücke, ist sie in der Tat noch jung, und auch im dreistelligen Alter zeigt sich die steinerne Dame als durchaus zeitgemäß, überspannt sie neben dem Wasserweg auch Bahnlinien, Straßen und Fahrradwege. Ihren Namen hat sie vom letzten deutschen Kaiser Wilhelm II. erhalten, der die Brücke vor 100 Jahren höchstpersönlich einweihte.

TRIER. Schon vor der Gründung Triers führt eine Brücke über die Mosel, welche auf einer Pfahlkonstruktion errichtet ist. Diese erste Holzkonstruktion wird um 150 nach Christus durch die noch heute existierende steinerne Römerbrücke ersetzt und ist für Jahrhunderte der einzige Moselübergang in Trier. Nachdem die Stadt im Mittelalter nur noch knapp halb so groß ist wie zu spätrömischer Zeit, wächst die selbsternannte Moselmetropole im 19. und 20 Jahrhundert über ihre römischen Stadtgrenzen hinaus. Spätestens mit dem Anschluss an das Eisenbahnnetz und den Stadterweiterungen vor allem im Norden und Süden der Stadt ist die Römerbrücke als einziger Flussübergang dem Verkehrsaufkommen nicht mehr gewachsen.

Ein neuer Brückenbau wird 1910 ausgeschrieben und bei dem Wettbewerb unter dem Stadtbaumeister Balduin Schilling erhält der Darmstädter Architekt Paul Meißner den Auftrag zur Konstruktion. Der Professor der dortigen Technischen Hochschule hat sich bereits mit dem Neubau der Darmstädter Hypothekenbank sowie der Opelwerke in Rüsselsheim, die 1911 begannen, einen Namen gemacht – jedoch nicht unbedingt als Pionier moderner Bauformen. Vor allem das Bankgebäude ist im Vergleich zu den Bauten der Darmstädter Mathildenhöhe recht traditionell, und das mag wohl ein ausschlaggebender Grund für die Wahl des Baumeisters für die Trierer Brücke gewesen sein. Im Wettbewerb abgelehnt werden moderne Eisenkonstruktionen oder Hängebrücken, da das Landschaftsbild nicht gestört werden sollte, wie Ralph Kießling 2001 in einem Porträt der Brücke in der Rathauszeitung ausführt. Im Frühling 1912 beginnen die Bauarbeiten an der Brücke, die vom nördlichen Teil der Altstadt auf die westliche Moselseite und nach Pallien führen soll.

Die sichtbaren Sandsteine, die sich optisch fast schon unmerklich in die natürliche Farbgebung der Moselkulisse richten, sind nur Verkleidung für eine Eisenbetonkonstruktion, wie sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Industriebau gängig ist. Ausgeführt wird der Bau von der Firma Dyckerhoff und Widmann, eine Firma, die auch heute noch in diversen Tochterfirmen international aktiv ist. Als Beton- und Zementpioniere in der Gründerzeit lieferten die Unternehmer aus Wiesbaden-Biebrich ihr Produkt in der Gründerzeit zum Beispiel an die Baustellen der Metropolitan Opera, des Waldorf Astoria Hotels oder auch der Freiheitsstatue nach New York.

Die neue Brücke verbindet seit 1913 nicht ganz rechtwinklig zur Mosel schon bestehende Straßen – im Osten den Georg-Schmitt-Platz mit Anbindung an den Alleenring mit der steilen in den Fels gehauenen Bitburger Straße im Westen. Hierbei mussten Höhenunterschiede ausgeglichen werden, so dass die Brücke nach Westen hin rund zehn Meter ansteigt. In insgesamt neun Bögen überspannt sie nicht nur den Fluss, sondern altstadtseitig auch einen Fahrradweg und im Westen zwei Bahngleise, die Bundesstraße 53 sowie die dörfliche Palliener Straße. Einer der Brückenpfeiler steht auf der Moselinsel, welche so bewachsen ist, dass die Brücke am besten von der nördlichen Seite aus in ihrer vollen Länge von 307 Metern betrachtet werden kann.

Gottfried Kentenich schreibt in der „Geschichte der Stadt Trier“ aus dem Jahr 1915, wie dringend notwendig der Bau gewesen sei: “Seit alter Zeit bewerkstelligte den Verkehr zwischen Zurlauben und dem Palliener Ufer eine Fähre, bei deren erstem Anblick den Fremden, wie Hermann Ritter treffend sagt, das eigenartige Bewußtsein befiel, langsam um ein ganzes Jahrhundert rückwärts zu rutschen und eine zunehmende Geistesverwandtschaft mit den Menschen aus der letzten kurfürstlichen Zeit in sich zu verspüren. Schon 1871 hatte man aus Bürgerkreisen heraus den Bau einer festen Brücke an dieser Stelle angeregt.”

Umgesetzt wird diese Idee erst Jahrzehnte später. Als wichtigstes Verkehrsprojekt Triers im frühen 20. Jahrhundert entlastet sie ab 1913 die zum Nadelöhr gewordene Römerbrücke und wertet den westlichen Teil der Stadt auf. Die Brücke verbindet seither die Innenstadt mit den beliebten Ausflugszielen Weißhauswald, dem Weißhaus mit den öffentlichen Gartenanlagen, dem Waldstadion und dem Gillenbachtal. Im selben Jahr wird das Dorf Pallien eingemeindet. Jahre später ergänzt der Rosengarten am Drachenhaus die Liste der zahlreichen Freizeitangebote im Westen der Stadt.

Obwohl Kaiser Wilhelm II. zur Einweihung persönlich anwesend ist und der Brücke ihren bis heute gültigen Namen Kaiser-Wilhelm-Brücke gibt, bleibt sie mindestens 60 Jahre lang tatsächlich die “Neue Brücke”. Diesen Status macht ihr erst die 1973 im Süden Triers gebaute Konrad-Adenauer-Brücke streitig. Eine Fotografie, die den Kaiser bei dem Festakt auf der Brücke zeigt, macht deutlich, wie unauffällig sich die Brücke zur Bauzeit ins Landschaftsbild einfügte. Auch die Balustrade sowie die vier auskragenden Aussichtsplattformen in der Nähe der Brückenköpfe sind mit dem ortsüblichen Sandstein verkleidet. Erst nach Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wird die Fahrbahn verbreitert und die Balustrade mit einer Metallkonstruktion ersetzt, welche heute grün gestrichen ist und den Blick auf den Fluss und die Felsenhänge freilässt.

Schon Jahre früher entstanden in Dresden mit dem “Blauen Wunder” sowie den beiden Kaiser-Wilhelm Brücken in Wilhelmshaven oder Müngsten hochmoderne Stahlkonstruktionen, die bereits zur Bauzeit für Furore sorgten, zum Briefmarkenmotiv wurden oder auch Vasen und Geschirr schmückten. Hier bekannten sich die Auftraggeber zu einem klaren Statement zur technischen Moderne und Innovation, die in Trier ausdrücklich nicht erwünscht waren – zu Gunsten einer Brückenarchitektur, die eher zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal auf dem Domfreihof passte, welches den Großvater des Namensgebers der Brücke zeigte.

“Kennen Sie Trier?” – auf einen Blick:

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4 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Dr.Eerholthaus.Neumann-Ov schreibt:

    Kleine Anmerkung. Kaum erkennbar, aber doch noch deutlich auf dem verwaschenen Sandstein lesbar das Einweihungsdatum, der 11.Oktober 1913.
    Aber überall steht geschriebee man die Treppen, Kaiser Wilhelm habe die Brücke am 14.10.1913 eingeweiht. Was ´stimmt nun ????
    Abgesehen davon, zum Jubiläum könnte man die Treppe schon ein bißchen aufhübschen, wie es so schön heißt.

  2. M. Schulz schreibt:

    1871 eine Brücke “angefragt”, bereits 1913 zusammengezimmert. Angesichts dessen erscheint die Posse um die Aulbrücke in den geschichtlichen Maßstäben von Trier gesehen in einem winzigen Augenblick beendet worden zu sein.

    Aber: Ich erwarte dass sich nun eine Ratsfraktion egal welcher Partei darüber empört, dass imperialistischen Gestalten fortwährend Ruhm und Ehre in Form von Brückenbenennungen zuteil wird. Wilhelm II….das war doch der Typ mit dem Panthersprung, wie ich auf der heute nicht mehr zu nennenden Schule gelernt habe. (Seltsamerweise wurde das Thema trotz des schlimmen Namens der Lehr-Anstalt durchaus kritisch behandelt)

    BTW: Schade dass es die Sandsteinbalustrade nicht mehr gibt, das würde die Brücke nicht so “beliebig” ausschauen lassen.

  3. Bettina Leuchtenberg schreibt:

    @ Dr.Eerholthaus.Neumann-Ov
    Der rechte Teil der Inschrift im Sandstein ist im Vergleich zum linken sehr verwaschen und deswegen leider nicht mehr besonders deutlich zu lesen. Auf dem Foto ist es jedoch immer noch undeutlicher als wenn man direkt davor steht. Dann kann man auch die Serifenziffer 4 besser sehen.
    Abgesehen davon schreibt Gottfried Kentenich in seiner 1915 herausgegebenen „Geschichte der Stadt Trier von ihrer Gründung bis zur Gegenwart“ vom 14. Oktober als Einweihungsdatum. Dieses Datum wird seitdem immer wieder zitiert.

  4. Klauspeter Bungert schreibt:

    Auch auf dem Foto würde ich die strittige Ziffer eher als 4 denn als 1 identifizieren. Der spitze Winkel der Ziffer ist nicht ganz so spitz wie bei der davorstehenden 1 und rechts schaut noch ein dünner waagerechter Reststrich heraus. Soweit ich das Buch von Kentenich gelesen habe, scheidet auch im Hinblick auf diese zeitnahe Quelle ein Schreibversehen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus. Dieser Verfasser hat geradezu pedantisch auf formale Korrektheit seines Textes geachtet. (Übrigens können neuere Veröffentlichungen in puncto Fehlerfreiheit mit dem Standard wissenschaftlicher Werke bis ca. 1960 nur noch selten konkurrieren – leider.)

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