“Kümmere dich nicht um das Reich der Schatten”

Auch schon die Römer waren nicht gerne tot. Diese und andere fundamentale Einsichten gewinnt man, wenn man vertrauensvoll dem Ben Stiller des Rheinischen Landesmuseums durch das „Reich der Schatten“ folgt. Nachdem ich mich in den letzten Wochen mit so ernsten Dingen wie Kampfwandern, Erdbeerköniginnen oder Zwangsgeranisierung befasst habe, möchte ich diesmal über etwas Aufmunterndes berichten, nämlich über 2000 Jahre Trierer Grabmalgeschichte. Sonderbarerweise ist mir in den letzten Wochen – von verschiedener Seite und durchaus wohlmeinend – empfohlen worden, mich mal im Landesmuseum und auf dem Hauptfriedhof umzusehen, da gäbe es ganz besondere Grabmale zu entdecken. „Grab da mal weiter!“ sagte ich mir, vielleicht ist das ja tatsächlich nicht so todlangweilig, wie es klingt…

TRIER. Ich also zur multimedialen Sonderausstellung „Im Reich der Schatten“. Heißt es eigentlich Grabmale oder Grabmäler? Ich würde ja auf Letzteres tippen. Jedenfalls steht mit der Igeler Säule die Mutter aller europäischen Grabmale im Rheinischen Landesmuseum. Aber dieser über zwanzig Meter hohe Grabstein ist nur das protzigste und beileibe nicht das faszinierendste Grabmonument dort. Da ist zum Beispiel der Grabstein von Albinius Asper und seiner Gattin Secundia Restituta (= das erste Grabmonument im Saal gleich beim Eingang).

Es ist verbürgt, dass die Beiden sich dieses Grabmal schon zu Lebzeiten haben anfertigen lassen. So war es schon bezahlt und die damaligen Trierer Hinterbliebenen mussten sich nicht mit Geschmacks- und Finanzierungsfragen und auch nicht mit einem der lokalen Bestattungsinstitute, namens TE HABEBIT HUMUS oder IGNIS TE HABEBIT, herumschlagen. Eigentlich finde ich die Idee ganz erquickend, sich den Grabstein selbst zu gestalten. Neulich habe ich von einem Scherzbold gelesen, der „Bin gleich wieder da“ draufstehen haben will. Soweit würde ich bei meinem Grabstein nicht gehen, sondern eher praktische Anweisungen geben, wie zum Beispiel „Keine Geranien, bitte!“. Aber wahrscheinlich würde mir sowieso niemand Scheraaanien aufs Grab pflanzen. Zu pflegeintensiv!

Bei Albinius Asper und Secundia jedenfalls kann man vorne drauf lesen, wem dieser frühe Monumentalgrabstein gehört, und auf den rechten und linken Seitenteilen sind anmutige Tänzerinnen abgebildet, bei der Arbeit sozusagen. Scheint kein Trauerkloß gewesen zu sein, der olle Albinius.

Und um Albinius und seine Secundia geht es auch im „Reich der Schatten“. Ich war bei der Vormittagsvorstellung.

Ich: Tach, einmal ins Reich der Sinne, äh, Schatten bitte.
Kassiererin (todernst): 8,50 Euro!
Ich: Oha, Sie nehmen’s aber von den Lebendigen!
Kassiererin: Beeilen Sie sich, in einer Minute müssen Sie im Grabmonumentesaal sein!

Dort hat man nämlich ein multimediales Raumtheater ins Leben gerufen, was nichts anderes bedeutet, als dass es die ganze Zeit Bild und Ton gibt, während man zwischen den Grabmälern hin und her wandelt.

Die Idee von im „Reich der Schatten“ ist im Grunde dieselbe wie beim Kinofilm „Nachts im Museum“ (2006) mit Ben Stiller in der Hauptrolle. Nur während da Tyrannosaurus Rex und Teddy Roosevelt zum Leben erwachen, werden im Trierer Landesmuseum sämtliche Wesen auf den Grabmonumenten wieder quicklebendig. Das heißt – “lebendig” ist der falsche Ausdruck. Die Story geht so: Dem Albinius Asper ist seine Secundia verstorben. Und anders als der Meier Kurt, der in so einem Fall erstmal durchatmen würde, beschwatzt Albinius den Gott Merkur, ihn doch mitzunehmen ins Reich der Toten, damit er sich selbst davon überzeugen könne, ob seine Secundia auch dort noch an ihn denke (allein schon die Idee, das zu überprüfen, hätte beim Meier Kurt eine, sagen wir mal, eher nachrangige Priorität). Merkur warnt den Asper Albinius eindringlich davor, was er im Reich der Schatten erleben wird, und der Götterbote kriegt später wegen dieser Aktion auch echten Stress mit seinem Papa, dem Jupiter, aber Albinius lässt sich den Trip durchs Schattenreich auf den Tod nicht ausreden.

Aber das Beste ist, dass man anstelle von Ben Stiller einen vertrauenserweckenden Herrn, einen Angestellten des Landesmuseums, mit auf den Weg bekommt, der wortlos aber gestenreich durch die Unterwelt führt. Und so folgt man diesen drei, Merkur, Albinius und dem Museumsangestellten, durch den Grabmonumentesaal, und die Figuren auf den Grabsteinen erzählen über ihr irdisches Leben und wissen zum Teil gar nicht, dass sie schon tot sind und noch in einer Zwischenwelt leben, bis entschieden ist, wo und wie genau sie zur ewigen Weiterverwendung enden werden. Das hat mich natürlich erschreckt: Hoffentlich hatten die Römer nicht Recht, und ich lebe jetzt vielleicht auch schon längst in einer unlebendigen Zwischenwelt, ohne es zu merken. Obwohl, einiges erklären würde das schon; aber das ist eine andere Geschichte.

Diese Geschichte hier im Landesmuseum geht jedenfalls folgendermaßen weiter: Albinius und Merkur treffen auf alle möglichen Leute, die so dermaßen bunt und animiert von den Grabmälern herunterplaudern, dass ich jetzt vor der Weinstube Kesselstatt nicht mehr an der Replik des römischen Weinschiffs vorbeigehen kann, ohne Stimmen zu hören (ja, das Weinschiff ist ebenfalls so ‘ne Art Grabstein gewesen!). Ich verrate natürlich nicht, wie’s mit Albinius ausgeht – seht euch das gefälligst selber an, es lohnt sich. Nur so viel: Am Ende kommt man wieder zum Ausgangsgrabstein zurück, wurde dabei gut unterhalten und hat von Merkur unter anderem den Ratschlag bekommen: “Lebe jetzt und kümmere dich nicht um das Reich der Schatten!” Das mag zwar klug sein, aber ich fürchte, wenn ich nach dem Motto handeln würde „Lebe jeden Tag so, als ob er der letzte ist“ wäre ich wahrscheinlich längst tot. So reiße ich mich wenigstens einigermaßen zusammen und gehe dem ein oder anderen Risiko aus dem Weg.

Nicht aus dem Weg ging ich allerdings weiteren Grabmonumenten. Durch den multimedialen Albinius angestachelt, habe ich mir sämtliche Bestattungsexponate von der keltischen Zeit bis zum 18. Jahrhundert angesehen, und bin dann vom Landesmuseum gleich zum Trierer Hauptfriedhof (mit Beschreibung und Lageplan – gibt’s als kostenlose Broschüre „Entdecke Trier-Nord“), um mir dort das grabmälergeschichtlich noch fehlende 19. und 20. Jahrhundert anzusehen. Ich möchte nicht ins Detail gehen, muss aber sagen, dass ich auch hier das ein oder andere entdeckt habe, was mich zum Schmunzeln oder zum Staunen brachte. Also möchte ich mich ausdrücklich bei denen bedanken, die mir den Tipp gaben, mich mit den steingewordenen Zeugen (deren Mehrzahlform ich immer noch nicht weiß) des Totenkults zu befassen. Es gibt wohl kaum Städte, die dabei auf eine 2000 Jahre alte Tradition verweisen können.

Nachtrag: Tut mir leid, aber aus der Kampfwandern-Revanche im Ruwertal wurde nichts. Der Meier Kurt und „et“ Hildegard waren zwar letzten Mittwoch wieder zu Besuch, aber da es seit einer Ewigkeit der erste richtige Sommertag war, dachten wir: Lass die Pälzer doch alleine durch die heißen Weinberge laufen. Wir sind „nur“ zur Mariensäule hoch (mit dem Auto!) und von dort rüber zum Café Mohrenkopf geschlendert. Lebe jetzt, sag ich da nur!

Weiterer Artikel zum Thema: “Multimediales für Museumsmuffel“.

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3 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Thomas FitzAlan schreibt:

    Bravo Frank!

    Ich kann nicht widerstehen und muss einen Fußballerspruch ergänzen, auch wenn die EM nun schon ein wenig vorbei ist – aber er passt, keine Bange: Francesco Totti antwortete dereinst auf die Frage, was er als Römer vom Wahlspruch “Carpe diem” halte: “Was soll der Sch…, ich kann kein Englisch.”

  2. Christoph Werner schreibt:

    Wieder schön erheiternd, diese Kolumne, da konnte ich auf die Revanche im Kampfwandern verzichten. Frank Meyer hat bei der Betrachtung des Alten immer den einen Fuß in der von ihm nicht ganz ernst beschriebenen Gegenwart. Das macht das Lesen so vergnüglich.

  3. Ulrike Schneider-Winkler schreibt:

    Hallo Frank,

    Deine Sprache ist so lebendig und interessant, dass es einfach Freude macht, die Kolummne zu lesen.

    Liebe Grüße
    Ulrike

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