“Marx wohnte überm Ein-Euro-Laden”

Also wenn der Backes Herrmann sonntagmorgens in aller Herrgottsfrühe unbedingt an einem geführten Stadtrundgang teilnehmen will, kann nur zweierlei dahinterstecken: Entweder eine Frau oder der Marxens Karl. Da der Herrmann mich dringend dabeihaben wollte und mich beschwatzte, ihn um Viertel vor zehn im Eingangsbereich des Simeonstifts zu treffen, war mir schon klar, dass es wieder um diesen Marx ging. „Raus in die Stadt – Rein ins Museum: Auf den Spuren von Karl Marx“ hieß die Führung, die ich dringend mitmachen sollte. Und unter fachkundiger Anleitung des Stadtführers Dr. Wolfgang Alt lernte ich unter anderem, was unser Marxens Karl mit Harry Potter verbindet. Aber der Reihe nach.

TRIER. Zuerst dachte ich: „Oh nein, nicht schon wieder in diese Ikone Marx-Ausstellung“ – denn obwohl es „Raus in die Stadt“ heißt, kriegt man zuerst noch einige wichtige Details im Museum gezeigt und erfährt nebenbei Dinge über Trier, die man als ordentlicher Banause, wie ich einer bin, nie geahnt hätte. Ein bisschen schämt man sich in Trier ja, weil ausgerechnet von hier so ein struppiger Krawallmacher kommt, nach dem dann auch noch eine weltweit bekannte Gesellschaftstheorie benannt ist. Manch einer im ansonsten so katholischen Trier denkt sich vielleicht, da wäre es wohl gar das kleinere Übel gewesen, wenn der Luther Martin in Trier geboren… aber man kann sich nicht aussuchen, welche Reizfigur der Weltgeschichte die Frechheit besitzt, ungefragt in Trier das Licht der Welt zu erblicken.

Erstaunt musste ich dann aber erfahren, dass nicht der Marx Unruhe über Trier brachte, sondern dass – gerade anders herum – das Trier des 19. Jahrhunderts das Aufmüpfige in den Kalle reinsozialisiert hat. Von den 20er bis 40er Jahren galt nämlich ausgerechnet Trier als eine der aufrührerischsten Städte der Rheinprovinz. Man kann sich regelrecht vorstellen, wie hohe preußische Verwaltungsbeamte im fernen Berlin laut aufstöhnten und die Augen rollten, wenn die Sprache auf das antike Moselstädtchen kam.

Stadtführer Alt erzählt dies mit unüberhörbarem Stolz. Auch den Herrmann lässt diese heldenhafte Epoche nicht unberührt, und er nimmt auch gleich eine umstürzlerische Haltung ein, als wir erfahren, dass bereits Marxens Vater polizeilich verhört wurde, nur weil er Reden in der liberalen „Trierer Casino-Gesellschaft“ gehalten hatte. Aber damit nicht genug mit den Krawallschachteln in Kalles direktem Umfeld. Marxens bester Schulkumpel und späterer Schwager Edgar von Westphalen gründete einen liberalen Verein, der sich regelmäßig in der „Glocke“ traf, in der es damals noch keine Zwiebelsuppe, wohl aber gut porzionierten Viez gab, welchem ein anderes Mitglied dieser Runde, ein gewisser Fischers Maathes, jedes Mal kräftig zusprach.

Und ausgerechnet Edgar von Westphalen und Fischers Maathes, so viel ist verbürgt, retteten in letzter Sekunde die in der “Glocke” mitgeschriebenen Sitzungsprotokolle dieser Treffen vor dem Zugriff der preußischen Polizeibehörden. Der Edgar und der Maathes vergruben die gefährlichen Dokumente in einer Metallkassette irgendwo im Weißhauswald, wo sie bis heute noch nicht wiedergefunden wurden (die Dokumente, nicht der Georg und der Maathes). Schade, sonst würde sich vielleicht das vom Herrmann gestreute Gerücht bewahrheiten, dass der Fischers Maathes bei einem dieser “Glocke”-Geheimbundtreffen im Überschwange der revolutionären Gefühle ausgerufen haben soll: „Vieztrinker aller Völker vereinigt euch!“, was sich der Kalle wiederum eifrig notierte – zur weiteren Verwendung – als Georg ihm später davon berichtete.

Aber ich schweife ab. Es ging bei dieser Führung nicht nur darum, zu zeigen, dass der Marxens Karl im Trier der 1820er und 30er in einem durch und durch aufmüpfigen Umfeld aufwuchs. Vielmehr wurde den Rundgangteilnehmern vor Augen geführt, dass in der Trierer Innenstadt etliche Gebäude, die unmittelbar mit Marx und seiner Familie zu tun haben, nur wenige Schritte auseinander liegen.

Wussten Sie eigentlich, dass Chinesen sich nur äußerst ungern vorm Karl-Marx-Haus fotografieren lassen? Ich habe schon zweimal versucht, Chinesen dazu zu nötigen, aber sie haben sich erfolgreich dagegen gewehrt. Einmal ist ein älteres chinesisches Ehepaar regelrecht vor mir geflohen, als es sich gegenseitig direkt vor der Marx-Gedenktafel fotografierte und ich auf Englisch anbot, von der anderen Straßenseite eine schöne Gesamtansicht mit ihnen und dem Geburtshaus zu knipsen. Ähnlich ablehnend reagierte auch eine Gruppe gut gekleideter chinesischer Herren, als ich im Vorbeigehen freundlich vorschlug, ein Gruppenbild mit Barockhausfassade zu arrangieren. Entweder dachten die Chinesen, ich wolle nur mit dem Fotoapparat davonrennen, oder es waren Japaner, die dachten: Was will der Idiot von uns?

„So ein Pech: Es haben nur ein paar Meter gefehlt, dann wäre der Kalle genau in der Karl-Marx-Straße geboren worden, haha!“, versuchte der Herrmann einen Witz zu machen, über den aber niemand lachte, also erwähne ich das besser gar nicht. Interessant ist aber, dass dem Marxens Karl das Geburtshaus in der Brückenstraße völlig wurscht war. Jedenfalls hat er es selbst nie erwähnt, nicht einmal in Briefen, die von einem Trier-Besuch anno 1864 stammen. Bei dem Aufenthalt wohnte Marx im „Haus Venedig“ gleich neben seinem Geburtshaus, ohne letzteres auch nur einmal zu nennen.

Das kommt vielleicht daher, dass die Familie Marx, noch als der Kalle ein Baby war, ein eigenes Haus kaufte (das in der Brückenstraße war nur gemietet), und zwar in der Simeonstraße. Von dort hatte der Kalle einen wunderbaren Blick auf die Porta und konnte mitverfolgen, wie das bis zur napoleonischen Zeit zum Kirchengebäude umgestaltete Bauwerk wieder (fast) in die ursprüngliche Form rückverwandelt wurde. Man kann sich mit etwas Fantasie durchaus vorstellen, wie der Kalle aus einem der Fenster im oberen Stockwerk gedankenschwer über den Porta-Nigra-Vorplatz blickte. Dabei muss man aber krampfhaft über das Erdgeschoss hinwegblicken, denn dort hat sich heute der reinste Kapitalismus breit gemacht. Der Herrmann entblödete sich nicht, den Spruch zu bringen: „Schau mal, der Marx wohnte überm Ein-Euro-Laden!“

Von der Simeonstraße Nr. 8 gingen wir den Schulweg zu Kalles Gymnasium ab; das sind nur wenige Fußminuten (wenn der Kalle nicht gebummelt hat oder gedankenversunken und theoriebildend vor sich hin schreitend vergaß, in der Brotstraße links abzubiegen). In dem zu Marxens Schulzeiten vom Rektor Wyttenbach mit liberalem Geist geführten Gymnasium befindet sich heute das Priesterseminar. Marx ging übrigens überhaupt nur fünf Jahre zur Schule. Bis zu seinem zwölften Lebensjahr wurde er zuhause von seinem Vater unterrichtet, was für Kalles Allgemeinbildung nicht das Schlechteste war, aber auch erklärt, warum ihm später angeblich einige Sozialkompetenzen gefehlt haben sollen.

Immerhin lernte er am Trierer Gymnasium gleich am ersten Schultag den bereits erwähnten Georg von Westphalen kennen und die beiden blieben ihr Leben lang gute Kumpels, obwohl der Georg es nicht so recht zu etwas brachte, während der Kalle weltweit von sich reden machte. Kumpel Georg wohnte ebenfalls nur wenige Minuten von der Schule entfernt, aber in die andere Richtung, in der Neustraße. In diesem Haus ging der Kalle also ein und aus, und nach mehreren Jahren merkte er endlich, dass er in Georgs Schwester verliebt war. Wie in der vorangegangenen Kolumne erwähnt, brachte Jenny von Westphalen das Geld mit in die Ehe, deshalb mag es als passend empfunden werden, dass sich im Haus der von Westphalens heute die Volksbank befindet.

Und damit wäre der Rundgang ebenso wie diese Kolumne zu Ende, zumindest für alle, die sich mit Harry Potter nicht auskennen (die Nicht-Potter-Fans können jetzt zum nächsten 16vor-Artikel klicken): Stadtführer Wolfgang Alt klärte uns noch über faszinierende Parallelen zwischen den Familien Potter/Weasley und Marx/Westphalen auf: Kalle Marx (= Harry Potter) lernt gleich am ersten Schultag den etwas loserhaften Georg von Westphalen (= Ron Weasley) kennen und kapiert erst nach fünf Schuljahren, wie umwerfend er dessen Schwester Jenny (= Ginny (!!) Weasley) findet und heiratet sie schließlich, wie am Ende ja auch Harry seine Ginny. Ferdinand, der ältere Bruder Georgs, arbeitet – genau wie Rons älterer Bruder Percy Weasley – fürs Ministerium und beide Brüder sind die uncoolen Streber und Nervensägen des jeweiligen Clans. Und dann kriegt Marx auch noch bei Schulleiter Wyttenbach (= Prof. Dumbledore) Privatunterricht, weil Wyttenbach erkennt, dass Marxens intellektuell-philosophische Ausnahmebegabung besonders gefördert werden muss, damit er später mal die Welt retten kann. Also wenn jetzt noch rauskommt, dass der Kalle nachmittags mit den Jungs im Palastgarten Quidditch gespielt hat, sag ich nichts mehr.

Und so lange Trier Stadtführer hat, denen solche Zufälle auffallen, braucht Trier sich keine Sorgen um seine Tourismusbranche zu machen.

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2 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Christoph Werner schreibt:

    Da hat man sich nun 40 Jahre lang in in der DDR bemüht, eine gewisse Ideologieferne zu pflegen, da kommt der Meyer Frank mit seinen Marx-Kolumnen und bringt einem doch den Mann so alltäglich nahe, dass man fast zum Marxisten werden könnte. Nach Franks Rock-Geschichten aus seiner Stadtschreiberzeit wollte ich fast katholisch werden, und nun das. Trotzdem weiter so. Der Mann – Meyer, nicht Marx – kann es einfach.

  2. Peter Moog schreibt:

    Alleine an der Überschrift lässt sich erkennen, was die Stadt von ihren touristisch und kulturell sinnvollen Ressourcen hält…

    Genauso lässt sich anführen, dass über die älteste Brücke nördl. der Alpen jeden ne Menge 10 Tonner fahren, null erschlossenes Erholungsgebiet an der Mosel ist, die Barbarathermen von morschen Brettern zusammengehalten wird und die Kaiserthermen aus einem totschicken Bädong-Klotz der 1960er Jahre umrahmt werden – von der Porta Nigra ganz abgesehen.

    Anstatt diese Dinge zu nutzen, um Geld in Kasse zubekommen, liegt zu jedem ein unglaublich teures Gutachten vor und nix passiert….

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