Mein kleiner roter Kalle

Verdammter Mist, jetzt hab ich so einen Ein-Meter-Marx an der Backe, in Blutorangenrot! Der Backes Herrmann ist Schuld. Denn mir würde es mittlerweile eigentlich langen – die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Marx, meine ich. Also nicht, dass ich etwas dagegen gehabt hätte, dem Herrmann auf den Spuren des Trierers Karl Marx zu folgen. Ich hab viel dabei gelernt und Neues erfahren. Aber nun wär’s auch mal genug, sonst werde ich am Ende noch ein Experte. Deshalb dachte ich, wir gehen gleich zum Kesselstatt, zum Weinschorlen-Frühschoppen, als mich der Herrmann am Sonntag um 11 Uhr zum Domstein bestellte; aber nein, er wollte unbedingt erst mal schauen, ob er sich nicht doch so einen Ein-Meter-Marx kaufen soll.

TRIER. Wir also ab zur Porta, wo die ganzen Marx-Figuren rumstehen. Viele Touristen und manche Trierer glauben ja, die 500 Figuren stünden da zum Spaß. Es ist aber kein Spaß, sondern Kunst. Ich will also ernsthaft an die Sache herangehen: Der Herrmann hat vor ein paar Tagen einen Verriss im Spiegel gelesen, wo frech behauptet wird, in Trier würde man den Marxismus “vergartenzwergisieren”. Aber der Herrmann mag Gartenzwerge. Er hat schon ein paar. Nur noch keinen von dem berühmten Künster Ottmar Hörl. Einziges Problem: Der Meter-Marx kostet 300 Euro, mindestens, oder genau gesagt: noch. Denn wer nicht bald zuschlägt, muss in Kürze 350 dafür blechen, und wer weiß, wie der Preis in Sammlerkreisen noch hochschnellt, sobald erst alle Figuren vergriffen sind. So sind die Gesetze des Marktes. Der Kalle könnte ein Lied davon singen.

„Aber trotzdem, Herrmann, 300 Euro, mein lieber Scholli, da muss ein armer 16vor-Redakteur ganz schön viele Kolumnen für schreiben.“

„Aber die Frauen stehen auf so was!“, meint der Herrmann, und er meint es ernst. „Außerdem fließt ein Teil des Kaufpreises an die Trierer Kulturstiftung!“

„Wo willste den überhaupt hinstellen“, frage ich subversiv, wohlwissend, dass der Herrmann in seiner Wohnung weder Platz für ‘ne Marxfigur hat, noch das Mobiliar, das stilistisch dazu passt. Unbeeindruckt erklärt er mir, der Marx komme gar nicht in die Wohnung, sondern hinterm Haus zentral in den Gartenteich. Er fragt mich, ob der Meier Kurt nicht einen Sockel bauen könnte, mit Edelmetallplatte. Da kommt der Marx dann drauf, nachdem er vorher von unten so angebohrt wird, dass man ihm einen Schlauch durchschieben kann; und ein weiteres kleineres Loch zwischen Rauschebart und Oberlippe macht das ganze Kunstwerk zu einem originellen Springbrunnen.

Das hat er nun wirklich nicht verdient, der Marx. Also versuche ich, dem Herrmann das auszureden.

„Lass uns doch erstmal gucken“, meint der Herrmann und eilt zielstrebig zu dem Pavillon direkt vor der Porta, wo man sich über die Kaufoptionen erkundigen kann.

Alle Marxfiguren sind rot, aber es gibt verschiedenen Rottöne, zum Beispiel Rubinrot oder Purpurrot. Der Herrmann entscheidet sich für Blutorangenrot, obwohl ich zu bedenken gebe, dass eine Orange doch nicht rot sei und außerdem das „Signalrot“, das wir als „Sozialistenrot“ identifizieren, besser zu Marx passen würde. Aber der Herrmann muss natürlich darauf achten, was im Gartenteich farblich mit seinen Seerosen harmoniert. Wir werden vom Pavillon zurück zum Porta-Vorplatz geschickt, wo wir uns in Ruhe einen Marx aussuchen sollen. Dort ist aber Aufruhr und wir müssen aufpassen, im Gedränge keinen der Meter-Marxe niederzutrampeln. Das Geschiebe wird dadurch verursacht, dass Gregor Gysi, der gleich eine Rede halten soll, sich die Figureninstallation vorher mal anschauen will. Er zieht einen Tross von Leuten nach sich, etliche davon sind mit Kameras bewaffnet und fotografieren wie wild.

Ein kleiner Junge streckt den Zeigefinger in Richtung einer Figurengruppe aus und ruft: „Mama, guck, Zwerg!“, und es wird aus der Situation heraus nicht klar, ob er damit die Marxfiguren meint oder den Gysi. Letzterer überragt die Marxe nur unwesentlich und unterscheidet sich auch sonst gestaltmäßig nur geringfügig von den Kunstwerken.

„Ja, wer von denen ist denn nun der Gysi“, fragt der Backes Herrmann, halb im Scherz.

„Na, der einzige, der nicht rot ist“, antworte ich wahrheitsgetreu.

Dann hat der Herrmann genug von dem Auflauf und geht zurück zum Info-Pavillon, um den Deal mit dem Meter-Marx in Blutorangenrot klarzumachen.

Ich aber folge dem Gysi-Tross, um mir die Rede anzuhören. Das Simeonstiftmuseum ist proppevoll und so temperiert wie eine finnische Sauna. Wahrscheinlich nicht zuletzt deshalb hält sich Kulturreferent Egger mit seinen Begrüßungsworten kurz, erlaubt sich dabei aber einen charmanten Seitenhieb auf den bereits erwähnten Spiegel-Artikel.

Auch die weiteren Redner, Jens Guth von der SPD und Harry Thiele von der Kulturstiftung, halten angenehm kurze Ansprachen, jedoch nicht ohne die – durchaus berechtigte – Frage zu stellen: „Was würde Marx wohl zu dieser Ausstellung sagen?“ und darauf hinzuweisen, dass diese Hörl-Installation immerhin schon die Kernaufgabe eines Kunstwerks erfülle, nämlich zu polarisieren.

Dann kommt Gysi, der die Lacher gleich auf seiner Seite hat, indem er seine Rede damit einleitet, welch demütigender Akt es doch sei, nach jedem Vorredner erst einmal das Mikro einen halben Meter tiefer einzustellen. Hiervon leitet er hübsch zur „Gartenzwergisierung“ über, gegen die er ja „bei seiner Körpergröße beim besten Willen nichts einzuwenden habe“. Er freue sich sogar, dass er hier einmal selbst „größer als Marx“ sei, und es ist klar, dass er das nur körperlich meint. Gut gefällt Gysi, dass man hier in Trier, vor der Porta, jetzt über Marx stolpern könne – und wenn er nicht hinzugefügt hätte, dass er das im übertragenen Sinne meine, hätte ich ihm zugerufen: „Du musst da ja auch nicht mit dem Kinderwagen oder mit Einkaufstaschen durch!“

Weitere Sympathien gewinnt er durch den Hinweis, dass man die Marxe leicht klauen könne, was für seinen Geschmack aber eine lässliche Sünde sei.

Ich muss zugeben, dass Gysi auch im Schatten der imperialistischen Monumentalbauten so locker rüberkommt wie im Bundestag, und sein Auftritt wäre rundum perfekt gewesen, wenn er das Wort „Manifest“ (wie in: „Kommunistisches Manifest“) nicht immer so sonderbar auf der ersten Silbe betonen würde, so dass es bei ihm wie „Manni-Fest“ oder „Money-Fest“ klingt.

Dann fordert er die Trier offiziell dazu auf – und hier sehe ich schon schwere Zeiten auf uns zukommen – einmal darüber nachzudenken, ob wir die Uni nicht doch nach dem berühmtesten Sohn der Stadt benennen sollten. Immerhin sei doch in fünf Jahren der 200. Geburtstag von Marx, und bis dahin könnte man wohl zumindest diskutieren, ob man nicht doch eine „KMU Trier“ haben wolle. Dann taucht der Herrmann wieder auf, mit einem blutorgangefarbenen Marx unterm Arm.

„Da, halt mal!“, sagt er, denn er hat eine potenzielle „Neue“ entdeckt, mit der er schon seit Wochen anzubändeln versucht und dies nun doch nicht mit einem Marx-Zwerg unterm Arm tun will.

Da stehe ich nun, und schäme mich in Grund und Boden. Hoffentlich sieht mich jetzt keiner, der mich kennt! Aber es kommt schlimmer. Eine Frau mit einem Marx in Sozialistenleuchtendrot kommt auf mich zu und spricht mich mit fremden Akzent und im Irrglauben, einen Gleichgesinnten vor sich zu haben, aufgeregt an:

„Wo isser? Wo isser hinne?“

„Wer?“, frage ich verdattert, „der Backes Herrmann?“

„Herr… wer? Quatsch, der Gysi! Wo isser, wir wollen doch ein Autogramm von ihm!“

Und weil ich gucke wie ein Ochs vorm Berg, erzählt mir die Gysi-Anhängerin von ihren geheimsten Wünschen, nämlich dass sie ein Autogramm von Gysi auf ihrem sozialistenroten Marx haben will. (Das verstehe ich nicht – wäre das nicht so, als ob man eine alte Beatles-Platte hat, die man von Mick Jagger signieren lassen will?) Sie rennt weiter zu jedem, der offiziell aussieht und wissen könnte, wo Gysi hin verschwunden ist, und will mich dabei ins Schlepptau nehmen. Aber ich verkrümele mich lieber, um den Herrmann zu suchen und den Ein-Meter-Marx wieder loszuwerden. Herrmann ist im Brunnenhof jedoch gerade mit heftigem Flirten beschäftigt und zwinkert mir zu, was wohl heißen soll: „Den Marx kann ich im Moment grad gar nicht gebrauchen.“

Also muss ich quer durch die Fußgängerzone mit dem Ding unterm Arm und werde dabei mehrmals fotografiert, auch von Chinesen. Und so kommt es wohl, dass ich bald eingerahmt auf einigen Pekinger Wohnzimmerschränken zu sehen sein werde. Den Meter-Marx bringe ich dem Herrmann dann morgen vorbei.

Nachtrag: Die Frage, was Marx wohl selbst zur Installation sagen würde, blieb übrigens unbeantwortet. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass man von Kalles Kinderzimmer aus (Simeonstraße 8) einen prima Blick auf die bärtigen Zwerge hätte.

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3 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Norbert Damm schreibt:

    Frank Meyer vergißt immer, daß Karl Marx , Sohn von Heinrich Marx väterlicher- und mütterlicherseits aus einer bedeutenden Rabbinerfamilie stammte. – Es ist ein bisschen wie bei uns in der Speestraße: Hier gab es es keine Nazis, gab es keine jüdischen MitbürgerInnen. Seit ich 1985 hierhin gezogen bin, hab`ich jedenfalls nichts davon gehört. – Beim Kellerräumen fand ich 5 jüdische Bücher, das älteste von 1848, wieder klingelt Karl Marx. (Kommunistisches Manifest)Wie kamen die in die Speestraße in mein Haus? “In Ihrer Wohnung Herr Damm, wohnte damals der Ortsgruppnleiter SA von Trier Süd: Nubling. Und 2 Häuser daneben war ein so genanntes “Judenhaus”, so eine verstorbene Nachbarin. Nein, die NachbarInnen wissen von nichts? 18 jüdische Frauen und Männer, alle tot. Was die HausbesitzerInnen wissen? Nein, in der Speestraße gab es keine Nazis und keine jüdischen MitbürgerInnen. Ich glaube, ich als zugereister Pfälzer gehe in meinen Keller weinen. Bei den 5 jüdischen Büchern. – “Vogelzeit nennt mein Bruder den Sommer, die Toten lässt man jetzt lieber ruhn…” (Roland Eckert, Sommerliedchen) Geht nicht.

  2. Gaby Falk schreibt:

    Hallo Herr Damm,
    Sie sprechen mir aus der Seele. Das hat der Herr Meyer vielleicht nicht vergessen – das weiß er wohl nicht. Viele scheinen das nicht zu wissen oder wissen zu wollen. Es wurde auch mit keinem Wort in einer Rede erwähnt und gehört doch wirklich zum Verständnis des Menschen Karl Marx dazu.
    Ich selbst bin mit Karl Marx “ur-ur-ur-verwandt” und weiß, wovon ich rede. Auch die Familie meiner Mutter (geb. Marx) stammte von einer Trierer Rabbinerfamilie ab – wurde aber – bis auf wenige Mitglieder – systematisch ausgerottet (mit Hilfe Trierer Nazis).
    Meine Mutter hat keinen “Stolperstein” vor unserem Haus in Trier verlegen lassen, aus Angst vor Neonazis.
    Aber der Anfang ist gemacht: Karl Marx ist als Trierer wieder lebendig geworden, und das finde ich gut. Ich war auch im Museum und fand die Veranstaltung – bis auf die fehlende Würdigung der Herkunft – sehr gut.

    PS habe einen Marx in kräftigem Rot erstanden!!!

  3. Norbert Damm schreibt:

    Danke Frau Falk.

    Die Seelenverwandtschaft tut mir gut.

    Norbert Damm.

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