“Mutter Natur möchte, dass wir uns paaren”

“Sex ist ihr Hobby” heißt das Bühnenprogramm von Lilo Wanders, das sie am vergangenen Donnerstag im nur spärlich gefüllten Großen Saal der Tufa zeigte. Dem Publikum wurde bei ihrem Gastspiel schnell bewusst, dass die schönste Nebensache der Welt die selbsternannte Femme Fatale der erotischen Fernsehunterhaltung auch beruflich vollends einspannt. Ob die zahlreichen Anekdoten aus zwei Dekaden voller Lust und Frust sie auch dazu prädestinieren, einen Ausflug ins Comedy-Genre zu wagen, bleibt auch nach ihrem Auftritt mehr als fraglich.

TRIER. “Öffnet die Herzen – herzt die Öffnungen!” Wer sich diesen Spruch als Lebensmotto auserkoren hat, scheint nicht nur Spaß an derbem Wortwitz, sondern auch ein gesundes Verhältnis zur eigenen Sexualität zu haben. Eine Beschreibung, die zur Bühnenfigur Lilo Wanders, verkörpert durch Ernst-Johann “Ernie” Reinhardt, hervorragend passt. Im Programm “Sex ist ihr Hobby”, mit dem der in Frauenkleidung auftretende Künstler derzeit durch die Republik tourt, dreht sich alles nur um das Eine: den Austausch von Körperflüssigkeiten.

Bereits zum zweiten Mal ist Lilo zu Gast an der Mosel. Sie schwelgt auf der Bühne der Tufa gleich in Erinnerungen an den letzten Besuch vor 25 Jahren, den ihr ein Winzersohn nicht nur mit lieblichem Moselwein versüßte. Bevor es beim neuerlichen Stelldichein jedoch richtig zur Sache geht, spricht die Kultfigur zunächst ihren Gesundheitszustand an. Eine Erkältung zehre an den Kräften – kein Wunder, denn Lilo ist nicht nur auf gut geheizten Kleinkunstbühnen anzutreffen, sondern auch als Fremdenführerin auf der Reeperbahn unterwegs. Für 40 Euro streift sie mit Touristen 90 Minuten lang über die sündige Meile, Besuch eines Sexshops inbegriffen. Trotz grippalen Infekts lässt sich die Wanders in der Tufa nicht vom Singen abhalten: Drei Stücke gibt sie während der Show zum Besten, wobei der Abschiedssong, das bedeutungsschwangere Lied “Dienen” der Band “Ich & Ich”, unfreiwillig ins Komische abdriftet.

Gesang ist nicht unbedingt Lilos Stärke; Sex ist ihre eigentliche Profession: “Ich habe zwei Hobbys, das zweite ist Lesen.” Als Expertin macht sie genau das, was sie am Besten kann: über Zwischenmenschliches plaudern – die 545 Folgen als Moderatorin der bis 2004 ausgestrahlten TV-Show “Wa(h)re Liebe” waren in dieser Hinsicht äußerst dienlich. Zehn Jahre lang klärte sie einmal in der Woche das damals schon voyeuristisch veranlagte Fernsehpublikum über Pornomessen, Kamasutra und Swingerclubs auf. Auch 2011 scheinen die Episoden mit Pfiff kaum an Faszination eingebüßt zu haben, denn die auf Leinwand projizierten TV-Schnipsel sorgen im Publikum für viele Lacher.

Die Kunstfigur Lilo Wanders, dank ausgefallener Roben und ausgezeichnet drapierter Perücke die Karikatur einer Übermutter, ist mit der Materie bestens vertraut und bringt ihr Wissen im Programm ohne Unterlass ein. Der Nährwert von Sperma, die Penisgröße eines Wals oder die Kopulierfreudigkeit der Griechen – das Publikum wird mit amüsanten Fakten geradezu bombardiert. Die Pointen bewegen sich dabei von “witzig, aber etwas unter der Gürtellinie” über “eindeutig zweideutig” bis hin zu “Stammtischniveau”. Nicht zu vergessen: der obligatorische Uschi-Glas-Witz. Ein roter Faden ist während ihres Gastspiels jedoch zu keiner Zeit erkennbar.

Bei der Grande Dame der Reeperbahn dreht sich alles um Sex, erotische Spielzeuge und die große Lust. Die zur Erläuterung gebrauchten Beispiele aus dem wahren Leben wirken an den Haaren herbeigezogen. Die angeblichen Freunde und Liebhaber sind wohl doch nur rein fiktive Charaktere. Sex ist für Lilo ein Allheilmittel, Liebe lediglich ein “Hormoncocktail im Blut”. Statt wie erhofft mit Witz und Charme Themen wie Transidentität oder Homosexualität aufzugreifen, verfällt sie in die Rolle der devoten Frau, deren Leben sich nur in Küche und Ehebett abspielt. Nur geistig sei das schwache Geschlecht dem ewig heimwerkelnden Männchen überlegen: “Wir werden alle gleich geboren und bei den Schlauen fällt nach der Geburt der Pimmel ab.” Diese Mischung aus antiquiertem Frauenbild und verfälschtem emanzipatorischen Gedankengut irritiert.

Die vielen Jahre auf der Bühne – seit den Achtzigern ist sie ein fester Bestandteil der alternativen Theaterszene in Hamburg – sind nicht spurlos an ihr vorübergegangen: Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, fühlt sich Lilo Wanders wohl. Beinahe ein wenig zu wohl, denn jeder Satz scheint einstudiert, selbst die Lacher wirken gestellt. Davon lenken weder die zahlreichen Kostümwechsel (nach der Pause gleich zwei Stück) noch die unter großem Gelächter hervorgezogenen Sexspielzeuge ab. Vielleicht ist ihr Vortrag im Stil einer Moderation auch nur dem Scheinwerferlicht geschuldet, denn sie gibt zu, kaum zu erkennen, wie viele Zuschauer überhaupt den Weg in den Saal gefunden haben.

Ebenso wie von den spärlich gefüllten Reihen im Großen Saal lässt sich Lilo angeblich auch im wahren Leben die Laune nicht von unachtsamen Anhängern verderben, wie sie mit Freude berichtet: “Ich treffe immer noch Leute, die flüstern mir zu: ‘Ich gucke das jede Woche’.” Insgesamt 82 Heiratsanträge erreichten sie mit der Fanpost in knapp 20 Jahren. Interessant auch die Leserbriefe, in denen Lilo mit Ratschlägen zur besseren Durchblutung des Unterkörpers oder Informationen über sodomitische Neigungen bombardiert wird. Diese wenigen Beiträge mit Echtheitsgarantie sind die seltenen Highlights einer ansonsten unkonzipiert wirkenden Show, einem Theatermonolog ohne nennenswerten Kontakt zum Publikum – wenn man von der gemeinsamen Suche nach dem G-Punkt mit Hilfe einer halbierten Orange und Tiefkühlerbsen einmal absieht.

Eines muss man Lilo Wanders jedoch hoch anrechnen: Ihr gelingt der Spagat zwischen Travestie und Bühnenkunst. Sie zieht diese Kunstform, anders als die in den Medien stets omnipräsente Kiez-Kollegin Olivia Jones, nicht ins Lächerliche. Vielleicht halten die Fans ihr daher auch die Treue, wobei es einige dann doch mit der Zuneigung übertreiben: Brigitte, ein “wahnsinniger Fan”, wollte bei der Femme Fatale einziehen, stand bereits mit gepackten Rucksack vor ihrer Tür. Keine schöne Vorstellung, auch nicht für den Mann hinter der Kunstfigur, der bereits jegliche Formen der Liebe für sich entdeckte. Auch wenn Lilo Wanders behauptet, dass “Mutter Natur möchte, dass wir uns paaren”, muss dies schließlich nicht auch im wahren Leben von ihrem Alter Ego umgesetzt werden.

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2 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Peter Fuchs schreibt:

    Es wäre grob fahrlässig zu behaupten, die Schuld am Komasaufen heranwachsender Menschen, läge grundsätzlich an den erwachsenen Angehörigen. Alkoholkranke Eltern sind natürlich ein negatives Beispiel. Deren Kinder gelten eher als gefährdet drogensüchtig, depressiv, oder essgestört, zu werden. Vielleicht meiden aber gerade sie den extremen Alkoholkonsum, weil ja nichts Erstrebenswertes vorgelebt wurde. Jugendlichen den Alkohol zu verbieten, macht diesen für sie noch interessanter. Selbst wenn im familiären Umfeld niemand etwas trinkt, gibt es keine Garantie, dass Kids den Alkohol nicht dennoch attraktiv finden. Er ist all zu oft Gegenstand ihrer Freizeitgestaltung. Die heutige Freizeitindustrie lockt einfach in erster Linie mit Festen. Sport, Musik, Kunst spielen leider eine untergeordnete Rolle. Man folgt dem Ruf von Bierzelten, oder „Kampftrinkangeboten“ in Diskotheken. Veranstalter erzielen so einfach mehr Einnahmen, als mit Mineralwasser und Saft. Vor dem eigentlichen Event wird meistens schon „vorgeglüht“. Mit im Supermarkt gekauften Getränken, die dann irgendwo im Park, oder auf der Straße, in der Gruppe die Runde machen. Doch auch jeder Veranstalter und Lokalbesitzer, der eine Veranstaltung bzw. den Betrieb des Lokals wegen des Alkoholkonsums rentabel genug findet, ist mit Schuld am Koma saufen. Wahrlich kein guter Trend, der hier eingeführt wurde. Menschen verfallen dem Alkohol leichter als der Musik oder dem Sport, weil es einfach bequemer ist. Saufen bedarf keiner Übung, wie etwa ein Musikinstrument, und das Ausüben einer Sportart. Hier kann nur die Politik mit einer entsprechenden Gesetzgebung eingreifen. Eltern können in Wahrheit herzlich wenig dagegen tun.
    Peter Fuchs, Haferstraße 2, A-4064 Oftering

  2. Peter Fuchs schreibt:

    Die allgemeine Gewaltbereitschaft unter Kindern und Jugendlichen, unterliegt einem sehr starken Aufwärtstrend. Dies darf aber keinesfalls nur auf den Schulbereich abgegrenzt werden. Oft wird diese durch die Vergötterung falscher Idole hervorgerufen. Egal, ob vom Film, Fernsehen, oder Computer. Leider wissen viele Kinder nur mehr selten, sich wirklich sinnvoll zu beschäftigen. Eine wichtige Rolle spielt das Freizeitverhalten einer zusammengeschweißten Clique. Es stimmt, man solle vergangenen Zeiten keinesfalls ständig nachtrauern. Doch was uns seinerzeit an materiellen und technischen Mitteln gefehlt hat, wurde einfach in sinnvolle Freizeitgestaltung gesteckt. Fußball, Räuber und Gendarm, Völkerball, Versteckspiel, oder andere ähnlich gelagerte Spiele, waren reizvoll genug, um damit die Zeit zu verbringen. Aber ein wenig muss man sie dennoch in Schutz nehmen. Nicht selten fehlt einfach ein Ort, wo unsere Kids überschüssige Körperenergie, natürlich gewaltfrei, abbauen können, oder dürfen. Es liegt in unserer Verantwortung, in unserer Verpflichtung, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, oder auszubauen. Natürlich zusätzlich zur offen gezeigten Zuneigung. Noch vor jeder übertriebenen finanziellen Zuwendung. Erst dann werden wir miterleben können, dass die ständige Aggressionsbereitschaft unserer Sprösslinge wieder abnehmen wird. Wir haben die Verantwortung, die Verpflichtung, die Vorbildfunktion. Nicht wer härter zuschlägt, mehr hat, oder perfekter ist, gewinnt.
    Petr Fuchs, Oftering

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