“So, wie es sich bereits abgezeichnet hatte”

Neß, Carsten: Kein Tod wie der andere. Emons, Köln. 2013Der Autor Carsten Neß, der im Jahr 2011 mit seinem Erstlingswerk “Tod im Moseltal” den Krimiwettbewerb des Trierischen Volksfreunds und des Emons Verlages gewann, verlegt in seinem zweitem Roman “Kein Tod wie der andere” den Tatort der Todesfälle in die abgeschiedene Südeifel und stellt Verbindungen zwischen Luxemburg zum Bitburger Flughafenprojekt sowie zu Biowaffenforschungen her. Was als mysteriöser Plot um die Familie Altmüller beginnt, verliert sich zunehmend in langatmiger Ermittlungsarbeit, die durch Zufälle zu einem wenig überraschenden Abschluss kommt. Dafür spiegelt der Krimi treffend das Lokalkolorit der Region wider.

Gleich auf den ersten sechs Seiten von “Kein Tod wie der andere” geschehen die zwei Unglücksfälle, die die Grundlage für den weiteren Romanverlauf bilden. Erst fährt ein Mann mit überhöhtem Tempo auf der Landstraße und verunglückt durch einen Zusammenprall mit “etwas Schwarzem”. Im nächsten Kapitel liegt eine Frau nach einem Handgemenge am Sandstrand zur Sauer und erschrickt beim Anblick einer Person, die ihr helfen möchte. Die beiden Menschen, die hier an unterschiedlichen Orten zu verschiedenen Zeiten verunglücken, sind die Eheleute Altmüller.

Das Umfeld des zweiten Eifelkrimis von Carsten Neß ist die Südeifel in der Grenzregion zu Luxemburg mit ihren abgeschiedenen Kleinkolonien aus ehemaligen landwirtschaftlichen Gehöften: ein scheinbar perfekter Ort für mysteriöse Verbrechen. Im weiteren Verlauf des Romans werden jedoch nicht, wie man aufgrund der Lage vermuten könnte, dörfliche Rivalitäten mit den Todesfällen in Verbindung gebracht, sondern nicht weniger als der geplante Ausbau des Flughafens Bitburg und präventive Virenforschungen am “Laboratoire National de Santé” in Luxemburg-Stadt.

Im Mittelpunkt des Geschehens stehen die Altmüllers – eine gutbürgerliche Familie, die drei Jahre zuvor ins abgelegene Merteskaul gezogen war und durch die Verkettung unglücklicher Umstände stark dezimiert wird. Die nach dem Tod ihrer Schwester und ihres Vaters sowie dem Verschwinden ihrer Mutter traumatisierte achtjährige Zoé wird von ihrer Psychologischen Betreuerin Marie Steyn nebst Hauptkommissar Christian Buhle von der Kripo Trier alleingelassen in ihrem Elternhaus nahe der luxemburgischen Grenze aufgefunden. Nach einer turbulenten Nacht mit Hauseinbruch nimmt Steyn das Kind mit in ihre Wohnung in der Weinbaudomäne Avelsbach. Kommissar Buhle stürzt sich derweil in die Ermittlungen. Dabei hört er auch vom “Fluch der Merteskaul”, der laut Kolportagen der Nachbarn immer wieder mit drei mysteriösen Todesfällen innerhalb einer Familie zuschlagen soll.

Die nachfolgende Ermittlungsarbeit der Sonderkommission “Sauer” gestaltet sich als Mix aus journalistischer Recherche und polizeilicher Fahndung, da das wichtigste Beweismittel die dokumentierten Aufzeichnungen des freien Reporters Alexander Altmüller sind. Dieser hatte gleich zu mehreren brisanten Themen in der Großregion recherchiert, darunter mögliche Schwarzgeldkonten im Zusammenhang mit der Finanzierung des Flughafenprojektes in Bitburg und potenzielle Biowaffen im Großherzogtum Luxemburg. Schlussendlich und nach vielen minder spannenden Zwischenetappen kommt es unter Mithilfe einer ehemaligen Kollegin Altmüllers zur wenig überraschenden Aufklärung aller Todesfälle. Im Buch steht dann: “Das Gesamtbild erwies sich als genau so, wie es sich aus den einzelnen Puzzleteilchen der Ermittlungsergebnisse bereits abgezeichnet hatte.”

Das Hauptthema des Krimis ist für Neß der überbordende Ehrgeiz in einer Leistungsgesellschaft, der in letzter Konsequenz sogar zum Mord verleiten kann. Dies äußerst sich unter anderem in einem Zitat zum Endes des Buches, in dem ein Kollege von Kommissar Buhle resümiert: “Es ist dieser falsche Ehrgeiz der Leute, der in unserer Gesellschaft immer schlimmer wird […]. Worin liegt denn die Tragödie der Familie Altmüller begründet? In diesem ungebremsten Ehrgeiz des Vaters, ein großer Journalist werden zu müssen.” Seltsamerweise ist Neß aber nur vereinzelt daran gelegen, diese Gesellschaftskritik während der Kriminalgeschichte zum roten Faden werden zu lassen. Was überwiegt, ist vielmehr das unterhaltende Moment.

Allerdings fehlen hier für einen guten Krimi schlichtweg die Schockelemente im gesamten Mittelteil des Buches. Auf den meisten der 389 Seiten ist vielmehr die Beschreibung einer Ermittlung der kleinen Schritte zu lesen, die selbst in ihren Details mehr als ausführlich dargestellt ist. Hauptkommissar und -protagonist Christian Buhle wird dabei mehr autistisch als kauzig gezeichnet, was sich vor allem an seinem ungeklärten Verhältnis zur Psychologin Marie Steyn zeigen soll und im Buch viel Platz für zwischenmenschliches Einerlei einnimmt.

Die weiteren Romanfiguren – vom karrieresüchtigen Wissenschaftler Eric Dardenne bis zum kratzbürstigen Spurenfahnder Lutz Grehler – sind allesamt recht eindimensional in ihrem Auftreten und können dem Buch damit keine weitere literarische Ausstrahlung verleihen. Insgesamt hat man als Leser beständig den Eindruck – und hier zeigt sich die zweite Schwäche des Romans – dass der Autor über alles wacht und dabei weder Raum für vielschichtige Persönlichkeiten noch für abwechslungsreiche Dialoge lässt. Auch dramaturgisch ist die Lektüre keine Achterbahnfahrt: auf die Sitzung der Sonderkommission folgt eine dreiseitige Beschreibung einer Nebenfigur, folgt ein Ausschnitt aus Buhles Privatleben, folgt die nächste Soko-Sitzung und so weiter.

Was Carsten Neß über den gesamten Roman dagegen gelingt, ist vor allem die Einbettung der Großregion Saar-Lor-Lux in seinen Plot. Den Stadtteil Trier-Süd beschreibt er dabei mit gleicher Reflexion wie das Eifler Umland und macht Lust auf lokale Entdeckungstouren in den hiesigen Weilern. Falls er seinen Geschichten also noch mehr innere Reibungspunkte zutraut, kann daraus eine spannende Lektüre für Leser aus der Region werden.

Neß, Carsten: Kein Tod wie der andere. Emons, Köln. 2013

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