New Kiez in the Block

Gemeinsam mit anderen Mitstreitern setzen sie sich dafür ein, ihr "Karl-Max-Viertel" attraktiver und sicherer zu gestalten: Anne Nickels, Regine Ebel, Brigitte Biertz, Christian Vanmeerhaeghe und Ralph Dotzel. Foto: Gianna NiewelAutos rasten viel zu schnell durch ihren Bezirk, der Lärm heulender Motoren sei tagsüber nervig und störe nachts. Und überhaupt, man könne auch nicht lange genug parken: Um nicht nur diese Missstände zu beheben, sind vor einem Dreivierteljahr Ladenbesitzer und Gastronomen aus acht angrenzenden Straßen sowie dem Augustinerhof wieder aktiv geworden. Den Bezirk, den sie nicht nur sicherer, sondern auch attraktiver gestalten wollen, nennen sie seit März „Karl-Marx-Viertel“. Im Gespräch mit Oberbürgermeister Klaus Jensen haben die etwa 15 Aktiven vergangene Woche einen ersten Teilerfolg errungen.

TRIER. „Und das ist nur einer von zweien.“ Energisch zieht Brigitte Biertz den Ordner aus der Tasche und lässt ihn auf den Tisch fallen. „Parken“ steht auf einem der Trennblätter, „30km/h Zone“ auf einem anderen. Dahinter folgen Gesprächsprotokolle, erst mit Hand notiert, dann abgetippt, kopierte Unterschriftenlisten, Zeitungsartikel, ausgeschnitten und gefaltet. Es ist seitenweise Frust im Din-A4-Format, den die Besitzerin des Biofachbedarfs weggeheftet hat. Vorne auf dem Ordner prangen drei rote, geschlungene Großbuchstaben: KMV.

“KMV” steht für “Karl-Marx-Viertel”. Es umschließt die Karl-Marx-, Brücken-, Jüdemer-, Antonius-, Lorenz-Kellner-, Wall-, Bollwerk- und Feldstraße sowie den Augustinerhof. Die gleichnamige Interessengemeinschaft (IG) ist vor einem Dreivierteljahr wieder aktiv geworden, um den Bezirk sicherer und attraktiver zu machen. Seit März dieses Jahres nennen sie die Gegend „Karl-Marx-Viertel“. Derzeit sind es rund 15 Aktive, 90 Interessierte erhalten Mails über den Verteiler. Geht es nach Biertz, sind es nicht nur bald mehr Mitstreiter: „Um uns besser Gehör zu verschaffen, arbeiten wir daran, ein Verein zu werden.“

Drei Punkte liegen der IG besonders am Herzen: der Wegfall der Sondernutzungsgebühr, die Verlängerung der Parkdauer und die sofortige Umsetzung einer Tempo-30-Zone in der Karl-Marx-, Jüdemer- und Brückenstraße.

Laut Gebührentarifordnung der Stadt – Biertz blättert zielsicher in ihrem Ordner – kostet ein Schaukasten, ein Werbeschild oder der Postkartenständer vor der Tür einen Ladenbesitzer in der Fleisch- oder Brotstraße monatlich elf Euro je Quadratmeter. Zone 2. In der Karl-Marx- oder Brückenstraße – Zone 3 – zahlen die Geschäftsführer monatlich 7,40 Euro für den Quadratmeter. „Das ist unverhältnismäßig hoch“, empören sich alle am Tisch, bedenke man, wie wenige Leute sich im Vergleich bis in ihr Viertel „verliefen“. Deshalb fordern sie einen kompletten Wegfall dieser Gebühren in ihrem Bezirk. Wenn das nicht funktioniert, dann möchte die IG zumindest durchsetzen, dass das Geld für Gemeinschaftsanschaffungen wie Blumenkübel oder Bänke genutzt wird. Das würde die Straßen enorm aufwerten, sagt Regine Ebel aus der Buchhandlung “Ile de Re”, und käme letztlich nicht nur den Bewohnern zugute.

Ein weiteres Anliegen ist die Verlängerung der Parkdauer – seit dreieinhalb Jahren sind maximal 30 Minuten möglich. Das genüge Handwerkern oder Ärzten nicht, um zu beraten oder zu behandeln. Es folgte Petition um Petition, Krisengespräch auf Beschwerdebrief. Bisher ohne nennenswerten Erfolg. „Wir bleiben hartnäckig“, sagt Biertz.

Langsamer fahren, länger parken: Das sind zwei Ziele der Interessengemeinschaft, die seit einem Dreivierteljahr wieder aktiv ist. Foto: Gianna NiewelFast eineinhalb Stunden haben sie vergangene Woche mit Oberbürgermeister Klaus Jensen, Wirtschaftsdezernent Thomas Egger und Tanja Gotthard von der Abteilung Wirtschaftsförderung der Stadtverwaltung diskutiert und verhandelt. Zwei Mal habe Jensen den Namen „Karl-Marx-Viertel“ während des Gesprächs erwähnt, sagt Biertz. „Drei Mal“, verbessert Ralf Dotzel, Inhaber eines Schmuckgeschäftes. Alle strahlen.

Auch der Ausgang des Abends gibt Grund zur Freude: Für die Einführung einer Tempo-30-Zone in der Karl-Marx-, Jüdemer- und Brückenstraße hat die IG die Zusage von Jensen erhalten. Im Mai sollen die Straßen verkehrsberuhigt und somit sicherer werden. Die zuständigen Gremien hätten bereits abgenickt, nun warteten sie nur noch auf die Zustimmung der Verkehrbetriebe. „Wir glauben daran, dass sich in ein paar Wochen etwas tut“, sagt Ebel. Dann müsse nur noch darauf geachtet werden, dass die Geschwindigkeitsbegrenzung auch eingehalten wird. Aber auch hierfür kennen die Mitglieder der IG eine Lösung: Die Mehrarbeit, die die Polizei nicht schafft, könne beispielsweise das Ordnungsamt übernehmen.

„Wir sind nicht nur dagegen“, erklärt Dotzel. Es ginge ihnen auch darum, ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen zwischen den Besitzern der inhabergeführten Geschäfte, der Arztpraxen und Cafés und der Anwohner, zwischen Alteingesessenen und kürzlich Zugezogenen. Und natürlich soll das Viertel auch für alle anderen Trierer wie Touristen einladend sein: „Identifikation“ und „Willkommenskultur“, die beiden Begriffe fliegen an diesem Abend wie Pingpongbälle über den Tisch.

Damit diese Wörter nicht nur leere Versprechen bleiben, investieren die Ladenbesitzer und Gastronomen wöchentlich rund 20 Stunden Freizeit, um zu diskutieren und zu planen. Nachbarschaftshilfe etwa, die sei im Viertel schon immer selbstverständlich – schließlich kenne man sich ja. Wie kürzlich. In der Mittagspause, sagt Biertz, habe der Lieferdienst einem Kollegen drei sperrige Pakete bringen wollen, der sei aber zum Zeitpunkt der Lieferung nicht im Laden gewesen. Also habe sie die Post kurzerhand angenommen: „Hier wird nichts zurückgeschickt.“ Wie zum Beweis sind Zusteller und Pakete fotografiert und ins Internet gestellt worden. Das Karl-Marx-Viertel hat seit fast zwei Wochen nämlich eine eigene Facebook-Seite. 60 Leuten gefällt das bisher.

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10 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Stephan Jäger schreibt:

    „Dann müsse nur noch darauf geachtet werden, dass die Geschwindigkeitsbegrenzung auch eingehalten wird.“

    Ach ja, nur noch

    …so, wie man „nur noch“ an den großen Ampelkreuzungen am östlichen Moselufer Dauerüberwachungsanlagen einrichten muss, wie sie an vergleichbaren Unfallschwerpunkten in jeder anderen Stadt stehen, um die immer gleichen Rotlichtverstöße zu verhindern, die zu den immer gleichen schweren Kreuzungsunfällen führen.

    Nur noch.

  2. Raimund Scholzen schreibt:

    Ich finde, das ist eine gute Initiative. Ich stelle mir den Straßenzug Brückenstraße – Karl-Marx-Straße ähnlich vor wie jetzt die Neustraße. Natürlich wird eine Entwicklung in diese Richtung nicht von einem Tag auf den anderen stattfinden; in der Neustraße sind Jahre darüber vergangen, bis sie sich im jetzigen Zustand präsentiert, aber es sind meiner Meinung nach Schritte in die richtige Richtung. Ein weitere Schritte werden die Reaktivierung des Westbahnhofs für den Personenverkehr sein und schließlich die Freimaching der Römerbrücke vom Kfz-Verkehr. Wir müssen nur einen langen Atem haben!

  3. Norbert Damm schreibt:

    Mir gefällt das Konzept. – Allerding: Ein “Karl-Marx-Viertel” ohne Rotlichtmillieu? Todschweigen hilft nicht. Die untere Bollwerk- und Karl-Marx-Straße sind involviert. Da ist die Römerbrücke und die Brückenstraße. Dort steht das Karl-Marx-Haus. Irgend was ist da schief gelaufen. Mit der Brücke zu Karl-Marx. Allerdings war Karl-Marx kein Kostverächter. Weder was seine Frauen anging, noch seine Getränke. Jetzt wird schon ein Marx-Wein verkauft. Ein Roter. Ein Roter im Rotlicht? Ach so, die chinesischen BesucherInnen sind gar nicht mehr “rot”. Sie besuchen das Karl-Marx-Haus wie Katholiken den Petersdom in Rom. – Tja, wo könnte die Brücke sein? Die Brücke zum unteren Ende der Karl-Marx-Straße. – In einem Lokal, wo sich alles mischt. Die unsägliche Bausünde “Hotel Konstantin”. Wegsprengen und dann was bauen, was der Römerbrücke als Eingangbrücke in die Stadt und in die Karl-Marx-Straße gerecht wird. Mit allen Anliegern.

  4. Lukas Reith schreibt:

    Wir wissen, wie sehr du Spam unter deinen Artikeln hasst, aber wir wollen dir gerne offiziell zur Überschrift gratulieren, Spice Girl!
    Take that,
    Lukas und Julia

  5. Michael Merten schreibt:

    Die Vision, wie sie Raimund Scholzen hegt, finde ich unterstützenswert – ein entschleunigtes, einladendes Viertel, das in einer autofreien Römerbrücke mündet. Ich habe bei einem Besuch in Regensburg gesehen, wie dort derzeit die Steinerne Brücke instandgesetzt wird. Die ist per Volksabstimmung danach AUTOFREI. Es wird ein tolles Erlebnis für Touristen und Einheimische.
    Unsere noch viel ältere, aber zubetonierte Römerbrücke ist hingegen kein Highlight, sie fällt den meisten Touristen nicht mal auf.

  6. Michael Merten schreibt:

    @ Norbert Damm: Das Hotel Konstantin ist m.E. nicht das ästhetische Hauptproblem, sondern die Brücke an sich. Würde man den furchtbaren Asphalt abtragen und mit einer filigranen Deckschicht die Brücke als Fuß- und Radweg wieder erlebbar machen, wäre viel gewonnen.
    @ Lukas Reith: Was auch immer Sie sagen wollen, aber die Überschrift ist in der Tat ziemlich gelungen!

  7. Stephan Jäger schreibt:

    @Michael Merten

    „Die Vision, wie sie Raimund Scholzen hegt, finde ich unterstützenswert – ein entschleunigtes, einladendes Viertel,…“

    Finde ich auch. Jedes Viertel, dessen Aufenthaltsqualität erhöht (oder wiederentdeckt) wird, wäre für Trier ein Gewinn. Vor allem schön, dass die Geschäftsleute im „Karl-Marx-Viertel“ in der Entschleunigung kein „Wirtschafts-Hemmnis“ sehen, sondern eher das Gegenteil. Vielleicht hat ja da auch der (hier und da möglicherweise sogar ein wenig neidische) Blick auf Triers „neuen Flanier-Geheimtipp“ Neustraße das Seine zu beigetragen. Die Erkenntnis, dass der Wegfall von vier Parkplätzen vielleicht doch nicht gleichbedeutend ist mit dem kompletten Abwandern der Kaufkraft.

    Ehe der Beton in Trier allerdings von Brücken verschwinden kann, muss er vermutlich erst aus einer ganzen Reihe von Köpfen verschwinden. Oder die Köpfe müssen irgendwann durch etwas betonfreiere ersetzt werden.

  8. Norbert Damm schreibt:

    Auffallend ist, das Thema “Rotlicht” ist nicht von Interesse. -Alle gehen hin, aber keinen interessiert es. Schade.- Keine Brücke?

  9. Norbert Damm schreibt:

    Wenn Sie mal demnächst über die Römerbrücke von Westen nach Osten fahren, sehen Sie mal hoch. Auf das Dach des Hotels Konstantin. Wieviele Mobilfunkantennen dort stehen. Für mich und alle Herzinsuffizienten eine Belastung. 100 m Luftlinie entfernt von der Speestraße, wo ich wohne. 80 m Luftlinie nach links die Antennenanlage der Feuerwehr. – Über diese Themen wird geschwiegen. Guten Morgen Trier.

  10. Stephan Jäger schreibt:

    Och Herr Damm!

    Möchten Sie, wenn’s brennt, die Feuerwehr mit Rauchzeichen rufen?

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