Nicht nur beschwingende Wackeldackel

Joana Caspar (Baronin Freimann) und Svetislav Stojanovic (Baron Kronthal) mit dem Opern- und Extrachor des Theaters Trier. Foto: Marco PiecuchAm vergangenen Samstag hatte Gustav Albert Lortzings komische Oper “Der Wildschütz” im Theater Trier Premiere. Das zu den erfolgreichsten Werken des Komponisten (und zugleich Librettisten) zählende Werk wurde schon 1842 uraufgeführt und scheint auf den ersten Blick bloßes Unterhaltungstheater zu sein. Wie etwa schon bei Mozarts “Figaro” ist unter der stets heiteren Oberfläche aber auch satirische Kritik zu finden. Regisseur Matthias Kaiser (in Trier bereits durch seine Inszenierung von “Peter Grimes” bekannt) hat das Stück in die spießigen 50er Jahre versetzt und dabei – ohne dem Werk Gewalt anzutun – auf unterhaltsame Weise Archetypen menschlichen Verhaltens offengelegt. Der Spagat zwischen dem biedermeierlichen Ursprung und dem (cum grano salis) Heute gelingt aber nicht ganz: Die absolutistisch herrschenden Grafen und ihre Eskapaden lässt er sich doch nicht entgehen.

TRIER. Lortzing wuchs in einer Theaterfamilie auf. Die musikalische Begabung des Knaben wurde früh erkannt und gefördert; er erlernte mehrere Instrumente, und bereits als Kind komponierte er und trat am Theater auf. Lortzings Fähigkeiten als Schauspieler, Sänger, Orchestermusiker und Kapellmeister ließen den Theaterpraktiker zahlreiche publikumswirksame, vorwiegend komische Stücke produzieren.

Die Vielschreiberei war auch dem damals fehlenden Urheberschutz geschuldet: ohne Vergütung an die Autoren wurde überall rasch nachgespielt. Dennoch hielt Lortzing hohes musikalisches Niveau. Der “Wildschütz” darf als sein heiteres Meisterwerk gelten. Anknüpfend an Mozart führt seine Klangsprache in die frühe Romantik und imitiert (teilweise parodiert) gelegentlich den italienischen Bel Canto.

Das Werk geht auf ein Lustspiel August von Kotzebues zurück. Lortzing fügte die gerade in Mode gekommene halbgebildete Begeisterung “gehobener Kreise” für die griechische Antike sowie das berühmte Billardspiel zweier liebestoller Freunde um den Preis des von beiden angehimmelten Mädchens hinzu (in der vorliegenden Inszenierung allerdings durch eine Art Minigolf ersetzt, das Blicke unter das Kleid der Begehrten ermöglicht).

Die Maskierungs- und Verwechslungskomödie spielt um das Ehepaar Graf Eberbach und dessen Geschwister sowie den ältlichen Dorfschulmeister Baculus, der das blutjunge Gretchen heiraten will. Der Graf hat seine Schwester (die Witwe Baronin Freimann), die Gräfin ihren Bruder (den Witwer Baron Kronthal) so lange nicht mehr gesehen, dass sie sich nicht wiedererkennen. Eberbach hat seine Schwester eingeladen, um sie mit seinem Freund, dem als Stallbursche verkleideten Baron Kronthal zu verheiraten. Baronin Freimann reist aber als Student verkleidet an, um den zugedachten Bräutigam inkognito kennenzulernen.

Graf und Gräfin haben sich auseinandergelebt und wahren nur noch den Schein der guten Ehe. Er kompensiert seine Defizite mit Jagdlust, sowohl auf Wild als auch auf appetitliche Dorfmädchen gerichtet; sie sublimiert in gekünstelter Begeisterung für altgriechische Dramen, hält dabei aber auch erotische Ausschau.

Schulmeister Baculus will bei seiner Hochzeit mit einem Festtags-Rehbraten angeben. Aus Geiz möchte er diesen aber durch Wildern beschaffen, wird entdeckt und vom Grafen aus dem Dienst gejagt. Baculus will durch seine Braut den weibstollen Grafen becircen, hat aber Angst, sie werde verführt. Da kommt der vermeintliche Student (Baronin Freimann) gerade recht; in Frauenkleider gesteckt wird er/sie als Gretchen ausgegeben und aufs Schloss geschickt. Sofort entflammen der Graf wie auch sein Freund für das Pseudo-Gretchen.

Nach nächtlichen Wirren, teils wegen eines Unwetters im Dunkeln, greift schließlich Baron Kronthal zum Geld und kauft Baculus seine (Pseudo-)Braut um 5000 Taler ab. Schließlich stellt sich heraus, dass der Graf seine eigene Schwester begehrt hat, ebenso die Gräfin ihren Bruder (was in der Inszenierung aber nicht recht herauskommt). Sie können sich aber auf “die Stimme der Natur” herausreden. Das gilt auch für Baculus, der im Dunkeln keinen Rehbock, sondern seinen eigenen Esel (in der Inszenierung nicht recht plausibel Drahtesel=Fahrrad) erschossen hat und deshalb sein Amt zurückerhält. Die zu Verkuppelnden haben sich in doppeltem Inkognito ineinander verliebt, also Happy End (auch für das echte Gretchen??) und Schlussjubel!

Spaßige und schlüpfrige Aktualisierungen

Regisseur Matthias Kaiser hat die gesprochenen Texte durch eigene, “zeitgemäße” ersetzt. Diese sind großteils wirklich spaßig, manchmal auch recht schlüpfrig, wenn etwa die Gräfin vom bei ihr vorsprechenden, Antike-Kenntnis heuchelnden Baculus die Vorlieben der Griechen (“von vorne oder von hinten?”) erfahren will und die vermeintlich geschlechtertauschende Verkleidung des “Studenten” beim “wissenden” Baculus zu homoerotischen Andeutungen führt. Jedenfalls wurde das Publikum bestens amüsiert.

Ein Highlight sind Zusatzverse in der 5000-Taler-Arie, in denen der Neo-Kapitalist ganz up to date über eine steuerschonende, vielleicht auch schwarze Geldanlage räsoniert. Stammt das auch von Herrn Kaiser oder vielleicht vom Sänger? Jedenfalls Kompliment – hoffentlich gibt es keine juristischen Verwicklungen!

Die Ausstattung (Bühnenbild: Detlev Beaujean, Kostüme: Carola Vollath) ist gefällig bunt-kitschig, was hier keineswegs kritisch gemeint ist. So können wir vor einem blumengeschmückten Gebüsch stramme Jäger – gekleidet wie im “Musikantenstadl” – bewundern. Die verkleidete Baronin Freimann kommt motorisiert auf die Bühne. Das ist zwar im heutigen Theaterbetrieb nicht neu, ermöglicht aber später ein Foto des Grafen auf der Beiwagenmaschine, sexistisch drapiert mit hübschen Pin-Up-Girls, ganz wie noch heute in mancher Werbung. Als Zitat mag das auch in Zeiten des Feminismus noch durchgehen.

Der gewölbte Untergrund erschwerte den Sängern nicht nur das Gehen. Foto: Marco PiecuchDem Vorwurf der Tierquälerei auf der Bühne entgeht die Inszenierung durch die Ersetzung lebender Hunde durch Scharen von herzigen Wackeldackel-Puppen auf Rollbrettern – dem Publikum gefällt’s sehr. Gegen einen weiteren Ausstattungsgag, der zwar auch gut ankommt, ist aber zu protestieren: Aus dem Bühnenhintergrund oben führt eine Schräge (noch dazu als Ellipsoid, d.h. mit variabler Wölbung wie bei einem Ei) nach unten an die Rampe. Das bringt für die Sänger erhebliche Erschwerung: Je nach unterschiedlicher Neigung des Untergrunds muss eine andere körperliche Balance gefunden werden, was Atemführung und Intonation viel abverlangt. Zum Teil müssen eilige Läufe von oben nach unten absolviert werden. Ist es Regieabsicht, dass ein Sänger einmal beinahe im Orchester landete? Auch einige unmotivierte Rutschpartien können zumindest mich nur sehr begrenzt amüsieren.

Musikalisch ist vorwiegend Gutes zu berichten. Der stimmgewaltige und vielbeschäftigte Chor (einschließlich Extrachor) singt sauber und beeindruckt auch darstellerisch. Der Dirigent Joongbae Jee (Erster Kapellmeister des Hauses) leitet präzise das Orchester, dem der Komponist auch einige schön ausgeführte Instrumentalsoli anvertraut hat (ohne andere abzuwerten, m.E. besonders schön das Violoncello in der Ouvertüre). Ob bei der Bühnenmusik (Jagdhörner) technisch getrickst wurde, vermag ich nicht zu beurteilen; jedenfalls klang alles ganz natürlich. Die Sänger werden einfühlsam begleitet. Eingreifen hätte der Dirigent aber bei einigen Lautstärkeexzessen Einzelner sollen, speziell wenn Ensembles aus dem Gleichgewicht geraten.

Unter den Solopartien ragt nach Umfang und Publikumswirksamkeit die Rolle des Baculus heraus. Besetzt wird sie, wie die reiche Diskographie zeigt, meistens mit kräftigen Bässen bis hin zu schwarzen Stimmen (etwa eines Gottlob Frick). Gefordert sind aber auch rasches Parlando in Rossini-Manier und vor allem komisches Talent.

Lockerer Singspielton auch für gute Sänger nicht selbstverständlich

In Trier hat man mit Alexander Trauth eine etwas leichtere und höherliegende Stimme gewählt. Der Sänger kann überzeugen, obwohl er über keine profunde Tiefe verfügt und bei einigen hohen Haltetönen mit der verfügbaren Atemluft haushalten muss. Wohl auch aufgrund der Personenführung des Regisseurs gelang ihm aber die packende Gestalt eines verklemmten und zugleich geldgierigen, sich gern in Szene setzenden Subalternen. Das Hin- und Herrücken des ganzen Bühnenbildes während seiner 5000-Taler-Arie wäre wohl besser unterblieben. Umso leichter hätten wir uns in den jämmerlichen Wendehals hineinversetzen können – jede gute Komödie spricht ja bekanntlich auch uneingestandene Schwächen des Publikums an.

Die meisten übrigen Rollen waren achtbar besetzt, doch zeigte Joana Caspar (Baronin Freimann) gleich in ihrer Arie “Bin ein schlichtes Kind vom Lande”, dass der lockere Singspielton mit Verzierungen auch für gute Sänger nicht selbstverständlich ist; gleichwohl ist die weibliche Hauptrolle bei ihr gesanglich und darstellerisch in guten Händen.

Auch Amadeu Tasca (Graf von Eberbach) und Svetislav Stojanovic (Baron Kronthal) fühlen sich offenbar bei Verdi-Kantilenen und ähnlichem wohler als in diesem leichten Genre, doch sind ihre Leistungen ansprechend.

Evelyn Czesla (Gretchen) hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: Das sehr junge Mädchen gelingt ihr gesanglich sehr gut, so lange sie in ihrem schönen Piano bleibt. Wenn sie aber auf die Tube drückt, produziert sie viel Tremolo und wesentlich weniger schöne Klangfarbe; dabei übertönt sie im Duett mit Baculus diesen sogar manchmal.

Silvia Lefringhausen (Gräfin Eberbach) singt künstlich abgedunkelt und mulmig. Für die exaltierte Gräfin passt das sogar, doch wesentlich besser gefallen ihre natürliche Sprechstimme und ihr Spiel.

Kleinere Partien werden von Silvie Offenbeck (Kammermädchen), László Lukács (Haushofmeister) und Carsten Emmerich (Gast) gut gestaltet; man fragt sich aber, weshalb ein Haushofmeister in der deutschen Provinz manchmal deutlichen ungarischen Akzent aufweist.

Die vom Publikum mit viel Lachen und Applaus aufgenommene Produktion kann empfohlen werden. Die nächsten Vorstellungen finden am 22. und 28. März statt, weiters sind Aufführungen bis 18. Mai geplant.

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1 Leserbrief | RSS-Abo

  1. Friedhelm Busche schreibt:

    Danke für diese ausführliche Kritik! Ich freue mich auf die Vorstellung.

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