Spurensuche rund ums “Pfaffennest”

Ende des 18. Jahrhunderts bezog Goethe kurzzeitig Quartier in der Dietrichstraße. Von hier hatte er es nicht weit bis zur Marktkirche St. Gangolf, deren Turm einst Adelheid von Besselich aufstocken ließ. Der Dichter und die Stifterin sind zwei von 13 Persönlichkeiten, mit denen sich Neuerscheinungen aus dem Trierer Porta Alba Verlag befassen. Katarina Sieh-Burens begab sich auf “Spurensuche” durchs Dreiländereck, hintergründig berichtet sie über den Kriegsberichterstatter Theodor Fontane und den Schriftsteller Arno Schmidt, der bei Saarburg lebte; und Sartre, der in einem Kriegsgefangenenlager auf dem Petrisberg interniert war. Josefine Wittenbecher widmet sich in ihrem neuen Buch voll und ganz Adelheid von Besselich, Tochter des Stadtschreibers und Witwe des Bürgermeisters Clas von Zerf.

TRIER. Der begnadete Dichter als schwärmender Werbetexter: Man möge doch bitte schön “die Verbreitung eines so bedeutenden Kunstwerkes durch sorgfältige Abgüsse” veranlassen, empfahl Johann Wolfgang von Goethe mit Blick auf einen kleinen Bronzeguss der Igeler Säule. Bis dato findet sich eine Kopie dieses Kunstwerks im Weimarer Goethehaus. Als Goethe sich 1792 nach einem Zwischenstopp in dem von ihm als “Pfaffennest” titulierten Trier zur Weiterfahrt in Richtung Frankreich aufmachte, ließ er seine Kutsche an der Igeler Säule halten. Das 23 Meter hohe Grabmonument hatte es ihm angetan, so sehr, dass er auf seiner Rückreise erneut das heutige Weltkulturerbe aufsuchte. “Wie der Leuchtturm eines nächtliche Schiffenden” habe der kollosale Pfeiler auf ihn gewirkt, notierte er.

Nach Goethe sollte es auch Friedrich Wilhelm IV. und Karl Friedrich Schinkel, viel später auch ein Schriftstellerkollege namens Arno Schmidt hierher verschlagen. Napoleon ließ seine Kutsche an der Säule halten, Victor Hugo legte an dem Monument eine eher unfreiwillige Rast ein – eine Transportpanne hatte den Dichter in Igel zum außerplanmäßigen Halt gezwungen. Katarina Sieh-Burens ist den Spuren dieser und weiterer historischer Persönlichkeiten im Dreiländereck Deutschland, Frankreich und Luxemburg gefolgt. Das soeben erschienene Werk bietet dem historisch interessierten und regional verwurzelten Leser eine unterhaltsame und doch geistreiche und kurzweilige Lektüre. Die Frankfurter Publizistin versteht es, aus einer Fülle von Daten und Texten sowie überlieferten Originalzitaten kleine Episoden zu komponieren. Einige ihrer Texte haben anekdotische Züge, sehr zum Wohlgefallen des Lesers.

Sieh-Burens’ Können, historische Hintergründe lebendig zu beschreiben, zeigt sich auch in ihrem Kapitel über Arno Schmidt, dem Autor des monumentalen Werks “Zettel’s Traum”. Man muss von ihm nichts gelesen haben, um dennoch mit Genuss etwas über dessen Jahre an der unteren Saar, genauer in Kastel bei Saarburg zu erfahren. Schon wie der zu Beginn der 1950er Jahre im Hessischen lebende Nachkriegsschriftsteller auf die Idee kam, sich ausgerechnet in “World’s End” nach einer neuen Bleibe umzuschauen, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Hier, unweit der von Schinkel errichteten Grabkapelle für Johann den Blinden, König von Böhmen, schrieb Schmidt quasi im Akkord. Mit seiner Frau fristete er ein eher spartanisches und abgeschiedenes Dasein mit reichlich Alkohol und auch Büchsenfleisch. “Der schrullige, menschenscheue, oft unfreundlich-schroffe und zum Aufbrausen neigende Autor lebte im Dorf sein eigenes Leben ohne wirkliche Sozialkontakte”, schreibt Sieh-Burens. Das ging lange gut, bis sich Schmidt 1955 in Saarburg vor Gericht verantworten musste – wegen vermeintlicher Blasphemie und Pornographie in seinem Kurzroman “Seelandschaft mit Pocahontas”. Der Autor fürchtete Ungemach: “Unser Bleiben kann hier nicht mehr v. langer Dauer sein. Wenn Prozess beginnt, sind wir hier verloren”. So suchten er und seine Frau das Weite, 1956 wurde das Verfahren schließlich eingestellt.

In insgesamt zwölf Kapiteln befasst sich die Autorin mit ebenso vielen Persönlichkeiten  – von Karl Marx über Ernst von Schiller bis Stefan Andres oder Wilhelm Voigt, besser bekannt als “Hauptmann von Köpenick”. Leicht und informativ führt Sieh-Burens durch zwei Jahrhunderte, der Leser hat hernach das Gefühl, einiges erfahren zu haben, was er anderswo so noch nicht gelesen oder gehört hat.

Das gilt auch für das neue Buch von Josefine Wittenbecher, das ebenfalls im Porta Alba Verlag erschienen ist. Mit “Tödliche Feuer” sorgte die Wittlicher Autorin 2007 überregional für Aufsehen, in ihrem damaligen Roman stand der Fall Dietrich Flade im Fokus; das Schicksal jenes Richters, der eltliche Menschen als angebliche Hexen und Zauberer ins Feuer geschickt hatte und dann selbst Opfer des Wahns wurde. Nun widmet sich Wittenbecher Adelheid von Besselich. “Bürgerin von Trier” lautet der Untertitel des 180 Seiten zählenden Romans, und wieder gelingt es der Autorin, den Leser ins späte Mittelalter zu versetzen. Eindrucksvoll schildert sie die bedrückende Gottesfürchtigkeit, die für die meisten Menschen seinerzeit bestimmend war. Auch für Adelheid von Besselich, Tochter des Stadtschreibers, die den vermögenenden Metzgermeister Clas von Zerf heiratete.

Clas, ein schwieriger und zur Gewalt neigender Charakter und als Ehemann auch nach damaligen Maßstäben eine suboptimale Besetzung, macht anderen und vor allem Adelheid das Leben zur Hölle. Für seine Zunft wird er zum Problem, und als er schließlich die Würde des Bürgermeisters erlangt hat, kommt es zum Eklat. Clas von Zerf flüchtet nach Metz, wo er auch stirbt. Nach dem Tod ihres Mannes wird Adelheid von Besselich zur Stifterin, unter anderem sorgt sie für die Aufstockung des Gangolfturms auf 62 Meter, der damit für kurze Zeit die beiden Türme des Doms überragte. Ein Zustand, den Erzbischof Richard von Greiffenklau nicht dulden wollte, weshalb er den Südwestturm des Doms 1515 ebenfalls aufstocken ließ. An “Tödliche Feuer” reicht dieser Roman Wittenbechers nicht heran, doch kommt der Autorin das Verdienst zu, an diese bedeutende Triererin wieder zu erinnern.  Die Treverensien-Abteilungen der Trierer Buchhandlungen bereichern beide Neuerscheinungen.

Josefine Wittenbecher, Adelheid von Besselich – Bürgerin von Trier, Historischer Roman, Trier 2012, 181 Seiten, 12,80 Euro. Die Termine der nächsten Autorenlesungen von Josefine Wittenbecher finden Sie hier.

Katarina Sieh-Burens, Spurensuche. Historische Persönlichkeiten im Dreiländereck Deutschland-Frankreich-Luxemburg, Trier 2012, 202 Seiten / 64 Abbildungen, 19,80 Euro.

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1 Leserbrief | RSS-Abo

  1. Hammächer, Klaus schreibt:

    Das Buch von Katarina Sieh-Burens, Spurensuche, ist eine literarisch und inhaltlich sehr gelungene Darstellung von Persönlichkeiten, die mit dem Trierer Land und mit seinen Grenzgebieten in persönlicher Beziehung standen, nur eine Stelle auf Seite 50 ist meines Wissens nicht korrekt: Die Gebeine des Blinden Königs wurden nicht nach dem ersten Weltkrieg von den damaligen Alliierten nach Metz gebracht. Sie blieben bis 1946 in Kastel.

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