Stadt will keine weiteren Bordelle in Triers Norden

Im September öffnete im Norden der Stadt ein Billig-Bordell – zusätzlich zu drei vorhandenen “klassischen” Etablissements. Auch der Straßenstrich entlang der Loebstraße weitet sich aus. Das ruft nicht nur Frauenrechtler auf den Plan, sondern beschäftigt auch Kommunalpolitik und Verwaltung. Im Rathaus fürchtet man einen “Trading-Down-Effekt”, der Ruf des gesamten Gewerbegebiets könne unter der Konzentration von Puffs leiden. Am kommenden Dienstag soll der Stadtrat eine Bebauungsplanänderung beschließen, die weitere Genehmigungen von Bordellbetrieben unmöglich machen würde. Der Eigentümer eines ortsansässigen begrüßt das Vorhaben, sagt im Gespräch mit 16vor aber auch: “Die Stadt handelt zu spät”.

TRIER. Nein, mit der Nähe zu Luxemburg und Frankreich habe der angebliche Boom in Triers Rotlichtbranche nichts zu tun, ist der Bordellbetreiber überzeugt. Da komme es viel eher auf das Einzugsgebiet an, und das sei ohnehin ziemlich groß. Manche seiner Gäste legten schon mal 300 Kilometer zurück, um mit einer Prostituierten Sex zu haben, berichtet er. Seit Anfang des Jahrhunderts ist der Mann in der Branche tätig, in Trier-Nord betreibt er seit vielen Jahren ein Bordell. Seinen Namen will er nicht lesen, da ist er sich ausnahmsweise einig mit den Verantwortlichen des neuen Billig-Puffs, der nur ein paar Fußminuten entfernt von seinem Etablissement öffnete.

Erlebt Triers Rotlichtgewerbe derzeit einen Boom? Herrscht auf dem Markt bald ein Überangebot, noch dazu mit überaus zweifelhaften Geschäftsmodellen? Es gebe heute nicht wesentlich mehr Betriebe als noch vor einigen Jahren, hält der Puffbetreiber dagegen, doch das Angebot der Billig-Konkurrenz sei “menschenunwürdig” und “schlimm”. Denn die Frauen seien absolut abhängig von einem einzigen Betrieb; anders etwa als “seine” Prostituierten – diese reisten in Deutschland und im Ausland umher und quartierten sich in einer überschaubaren Anzahl von Bordellen regelmäßig ein, um dort für einen gewissen Zeitraum ihrem Gewerbe nachzugehen. Die Frauen könnten Freier auch ablehnen, Gründe hierfür müssten sie auch keine nennen – sagt der Bordellinhaber. Ob dem so ist, lässt sich schwerlich nachprüfen in einer Branche, die bekanntlich nicht nur im Rotlicht, sondern auch im Halbdunkel operiert. Mag Prostitution in Deutschland auch legal sein, imagefördernd ist sie nicht.

Einen Imageschaden fürchtet man inzwischen auch im Rathaus, dieser könne vor allem die “klassischen” Gewerbetreibenden im Norden der Stadt treffen. Denn zwischen Dasbachstraße und Ruwerer Straße konzentrieren sich gleich vier der stadtweit 13 Bordelle, Clubs und bordellartigen Betriebe, die in Trier aktuell angemeldet sind. Wie viele Prostituierte in ihren eigenen vier Wänden oder bei Haus- und Hotelbesuchen ihre sexuellen Dienste anbieten, lässt sich kaum beziffern: “Private Wohnungen kann man nicht erfassen, da bei der Anmeldung die ‘gewerbliche Nutzung’ nicht detailliert angegeben werden muss und diese auch aus Bügeln, Nähen oder einer Ferienwohnung usw. bestehen kann”, erklärt ein Sprecher der Stadt auf Anfrage. Im Rathaus glaubt man aber zu wissen, dass aktuell mehr als 20 Prostituierte im Internet für sich werben.

Derweil steigt die Zahl der Frauen, die sich entlang von Loebstraße und Ruwerer Straße postieren – und die zum Teil unter ständiger Beobachtung stehen. Auch in Zewen gibt es inzwischen Ansätze eines Straßenstrichs im Umfeld einer Bushaltestelle in der Straße Im Siebenborn. Die Situation sei auch deshalb unangenehm, weil für viele Autoinsassen offenbar auf den ersten Blick nicht ersichtlich sei, mit welcher Intention man sich im Haltestellenbereich aufhalte, berichtet eine Zewenerin. Sie hoffe darauf, “dass der Stadtrat mit der Einführung der Sexsteuer Prostitution nicht als ‘neutrales’ Gewerbe betrachtet (je mehr desto besser für die Stadt Trier) und das man sich im Klaren darüber ist, wie problematisch eine Zunahme von Prostitution sein kann”, erklärt die Anwohnerin. In der Summe bedeute mehr Prostitution auch mehr illegale Fälle, ist sie überzeugt.

Nach der Empörung über den Billig-Puff bildete man im Rathaus einen Arbeitskreis, der sich dem gesamten Themenkomplex widmen will. Baurechtlich verhindern ließ sich das umstrittene Etablissement nach Darstellung der Verwaltung nicht, doch nun möchte man zumindest der weiteren Entwicklung gegensteuern – mit einer Änderung des Bebauungsplans. So soll die rechtliche Grundlage dafür geschaffen werden, dass Bordelle und bordellähnliche Betriebe dort nicht mehr genehmigt werden dürfen. Die bereits ansässigen Unternehmen genießen Bestandsschutz. Am Augustinerhof begründet man die vorgesehene Änderung des Bebauungsplans mit drohenden “Trading-Down-Effekten” – das Image des gesamten Gewerbegebiets nehme Schaden. Von “nachteiligen Auswirkungen” in “erheblichem Umfang” ist die Rede, man sehe die Gefahr einer Verdrängung klassischer Gewerbebetriebe, heißt es in der Vorlage für die Stadtratssitzung am kommenden Dienstag.

Nur sah man diese Gefahr offenbar noch nicht, als sich bereits drei Betriebe im Norden angesiedelt hatten, und gegen den wachsenden Straßenstrich wird die Änderung des Bebauungsplans nichts ausrichten können. Hier könnte nur eine Änderung der Sperrbezirksgrenzen helfen, doch die sind seit den 70er Jahren unverändert. Dass gegen den Straßenstrich nicht frühzeitig etwas unternommen worden sei, das räche sich nun, meint der Bordellbesitzer im Gespräch mit 16vor. Er sieht durchaus einen Zusammenhang zwischen einer Ansiedlung wie dem “Flatrate-Puff” und den zahlreicher werdenden Frauen, die auf der Straße anschaffen. Das Phänomen sei über Jahre kaum existent gewesen in Trier, sehe man einmal von einem Wohnwagen an der “Bitburger” ab. Einen Vorschlag, wie dem Problem Einhalt geboten werden könnte, glaubt er auch zu haben: “Man sollte einfach eine Straße bestimmen, wo Straßenprostitution möglich ist, am besten in der Nähe einer Polizeistation; dann wäre das Problem rasch gelöst”.

“Gewerbegebiet Frau? Prostitution in Trier” lautet der Titel einer Veranstaltung am kommenden Donnerstag im Warsberger Hof. Weitere Informationen finden Sie hier.

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3 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Heiko Vink schreibt:

    Der Trading-Down-Effekt ist Quatsch. Der Flatrate-Puff bedient einfach ein anderes Marktsegment als die Konkurrenz. Preisführerschaft statt Qualitätsführerschaft. Dadurch muss sich die Konkurrenz auf dem Markt einfach besser in ihrem Alleinstellungsmerkmal (z.b. eine bestimmte Art “Qualität”) positionieren. In den meisten anderen Branchen ist das auch ganz genau so.
    Frauenverachtend ist es auch nicht 16 Stunden lang zu arbeiten. Über Arbeitsverhältnisse von Prostituierten gibt es Studien. Es ist vielmehr menschenverachtend. Ebenfalls genauso wie in anderen “Branchen”: Im Altersheim, in Anwaltskanzleien, Schauspielern, …
    Es ist natürlich ein hochideologisiertes Thema, stigmatisiert noch dazu. Deswegen scheint es schwer zu sein, darüber vorurteilsfrei zu diskutieren.

  2. D.Walter schreibt:

    Na super!

    Ein “Puffbetreiber” als Sprecher für die Stadt Trier und ihre Entscheidungsträger.
    Wie findet eigentlich die “Entlohnung” statt,in diesem Frauenfreundlichem Betrieb?

  3. A.Eiden schreibt:

    Dass die Prostitutionsthematik allgemein – im speziellen Fall solch fragwürdiger Angebote wie der Billig-Bordelle – auf moralisch-ethischer Ebene diskussionsbedürftig ist, zeigen glücklicherweise immer wieder engagierte Bewegungen. An dieser Stelle geht es nämlich um weit mehr als zu lange Arbeitszeiten, allerdings dürfte das (fast) allen klar sein.

    Abgesehen davon scheint der Begriff des “Trading-Down-Effekts” nicht ganz eindeutig erklärt worden zu sein: Es geht dabei nicht um eine Qualitätstendenz der Bordell-Branche, sondern um eine städtebaulich-funktionale Abwertungstendenz, die im Städtebau Vergnügungsstätten (Spielhallen, Tanzbars, Diskotheken, Night-Clubs etc.) und bisweilen auch Bordellen (Gewerbebetriebe sui generis) als Indikator zugeschrieben werden. Insofern kann dieses Argument aus städtebaulicher Sicht durchaus als Grundlage zur Änderung eines Bebauungsplans dienen. Interessanter wäre allerdings noch festzustellen, in welchem Maß dieser Prozess bereits fortgeschritten ist und welchen Einfluss die ganze Situation (inkl. einer Berücksichtigung des Trading-Down-Effekts) auf das Bodenpreisgefüge in einem Gewerbegebiet hat. Hier kann nämlich eine -neben der durchaus gerechtfertigten moralisch-ethischen Dimension – eine weitere nicht zu unterschätzende Problematik liegen.

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