Stößt du noch oder reißt du schon?

Stark wie ein Stier: der Trierer Gewichtheber Paul Trappen. Quelle: Stadtmuseum TrierWenn man früher in Trier als Mann Eindruck schinden wollte, musste man schon ein oder zwei Ochsen stemmen können. Wie zum Beispiel der Trappen Paul, legendärer Trierer Gewichtheber, Ringer und Kraftartist. Der Ochse an sich ist ja eher unhandlich, zumindest wenn man ihn stemmt. Deshalb benutzte Trappen 1914 bei seinem Weltrekord (zwei Ochsen, 2064 kg) eine spezielle Gewichthebevorrichtung, um diesen Kraftakt vorzuführen. Wahrscheinlich rollten bis in die 30er Jahre sämtliche Trierer Ochsen genervt die Augen, wenn sie den Paul sahen: „Guck mal, da kommt der Trappen, bestimmt werden wir gleich wieder gestemmt!“

Als der Backes Herrmann mir stolz von den starken Trierern von einst erzählt, beschließe ich: Wenn ich mir in Trier einen Verein suche, sollte es einer sein, der für lange Tradition und überregionale Erfolge steht! Ich probiere es mal mit Gewichtheben! Und Herrmann, der weiß, dass es in Trier noch einen Gewichthebeverein gibt, rät mir: „Schau doch mal beim Training der Kylltalheber rein!“. Also ab nach Trier-Ehrang, Schulturnhalle, Spezialtrainingsraum.

Ich dachte, Gewichtheber hören schlecht, weil die Schulter- und Nackenmuskulatur sich bis vor die Ohrmuschel wölbt. Aber als ich die Trainingshalle betrete, sehe ich ganz normale Typen: Drahtige Jungs, aber keiner von ihnen ist ein Muskelprotz. Der baumlange Kerl auf der ersten Trainingsmatte ist Christoph Esch, der letztes Jahr südwestdeutscher Meister wurde. Auf seinem Brustkorb ruht eine Gewichthebestange, genannt Langhantel, mit zwei riesigen Scheiben an beiden Enden. Christoph bläst die Backen auf, stößt das Sportgerät über den Kopf und verharrt einige Sekunden wie festgewachsen.

Direkt daneben spart sich ein kleinerer Heber, Jannik Ritz, das Absetzen auf dem gut ausgebildeten Brustkorb. Er stößt nicht, sondern reißt, in einer einzigen schnellen Bewegung, die Langhantel über den Kopf, wackelt kurz, aber Stange und Gewichte schweben scheinbar schwerelos über ihm. Er macht ein paar Trippelschritte nach vorn, die Stange bleibt überm Kopf, nach einem weiteren Ausfallschritt stabilisiert er sich. „Wat war dat dann?“, ruft ein kleiner, sehniger Typ. „Mir sin hei nit in der Tanzschul!“

Jannik und Christoph lassen ruckartig die Arme sinken, die Sportgeräte rasen gen Hallenboden. Ich denke: Herrje, jetzt schlägt’s den Boden durch, und will mir die Ohren zuhalten, weil ich ein metallisches Krachen erwarte. Aber die Riesenscheiben dotzen auf und springen gleich wieder federleicht einen Meter in die Höhe, werden aber von den Jungs zu Boden gedrückt und so am Herumhüpfen gehindert. Ich lerne: Gewichtheber machen’s mit Gummi! Die großen Scheiben, auf denen ich jetzt erst die Gewichtsangaben bemerke (30 kg) sind aus Hartgummi, der beim Beenden der Übung mit den Gummimatten kollidiert, die in den Hallenboden eingelassen sind, und hüpfen dann fröhlich in die Höhe.

Bei dem kleinen Drahtigen, der die Trainierenden mit flachsenden Kommentaren anspornt, handelt es sich um den Trainer der Kylltalheber. Theo Kellersch sieht – dafür, dass er die Sechzig deutlich überschritten hat – unverschämt fit aus.

Während ich noch erschrocken auf die niedergesausten Gewichte starre, mustert mich Kellersch von oben bis unten mit einem „Wat willst dau dann?“-Blick. Als wir uns wie Männer in die Augen sehen, wissen wir beide sofort: Aus mir wird nie ein Kraftartist! Ein kurzer Blick in die Runde macht klar: Um jemals wie diese Jungs heben zu können, fehlt mir (nein, nicht die potenzielle Muskelkraft) die mentale Grundhärte. Denn, so erfahre ich, es dauert eine Ewigkeit, bis man technisch korrekt stoßen oder gar reißen kann.

Kellersch dirigiert mich ans Ende der Gewichtheberhalle, wo jemand in nostalgischer Sportkleidung unermüdlich den ersten Bewegungsablauf des Stoßens übt: „Dat is hei zwar nit unsern Schöönsten“, ruft Kellersch, „aber einen von d’n Erfahrensten im Verein. Schätz mal, wie alt den is!“ Ich bekenne, dass der ruhige Mann im roten Schlabber-T-Shirt auf mich völlig alterslos wirkt. Kellersch verrät, dass der Vereinskollege, Remmels Pit, ebenfalls die 60 überschritten habe. Ich bin beeindruckt. Auch davon, wie der Trainer die Jungs immer wieder zu motivieren versteht: „Jetzt han eich aamaol meinen Elektroschocker nit dabei, un schon reißen se weniger wie letzt Woch!“

Die Kylltalheber gehörten von 1984 bis 2004 ununterbrochen der 1. oder 2. Bundesliga an. Nachwuchssorgen machen dem Verein heute zu schaffen. Foto: Frank MeyerIrgendwann traue ich mich, die entscheidende Frage zu stellen, nämlich ob ich auch ein Gewicht heben darf, ein ganz kleines am besten. Die Antwort ist enttäuschend: „Dann komm mit in den Nachbarraum, da kannste Bankdrücken üben. Mir arbeiten nämlich im Liegen“!

Rücklings auf einer Bank liegend, stemme ich eine Langhantel mit Gewichten hoch. Schon beim dritten Hochstemmen zittern meine Arme. Und schwanken. Die Stange samt Gewichten droht nach hinten über den Kopf wegzukippen und mir die ausgestreckten Arme auszukugeln, falls ich das Sportgerät nicht früh genug fallenlasse. Aber Kellersch rettet mich und sichert die Stange mit einem geübten Griff auf der Ablage. Da klar ist, dass ich keine nennenswerte Gewichtheberkarriere vor mir habe, führt der Trainer mich lieber durch die Geschichte der Kylltalheber: Er zeigt mir die Heber-Bühne, auf der in den 80ern große Bundesligakämpfe vor bis zu 400 Zuschauern ausgetragen wurden, sowie die Umkleide- und Trainingsräume, die schon Welt- und Europameister, Olympiasieger und Heber-Legenden gesehen haben.

„Die Zeiten sind aber vorbei“, gesteht Kellersch. Es klingt nicht verbittert, aber traurig. „Wir haben allergrößte Nachwuchssorgen. Gewichtheben ist out bei den Jugendlichen. Die zahlen lieber einen Haufen Geld im Fitness-Studio, obwohl sie hier im Verein einen ausgewogenen, individuellen Trainingsplan erstellt bekämen, mit dem sie sich über Jahre konsequent hochtrainieren könnten. Wenn man das Übungsprogramm fachkundig aufbaut, hat man bis zum Erwachsenenalter eine so stabile Körperspannung entwickelt, dass man nie Rücken kriegt! Das ist ein Sport fürs Leben, den man vom 12. bis 80. Lebensjahr betreiben kann.“

Dabei versucht der Gewichthebesport durchaus, mit der Zeit zu gehen: Das Langhanteltraining nennt sich jetzt „Eirenn Muuuhf“ (Iron Move), Kniebeugen sind inzwischen „Depp Skwotts“ (Deep Squats) und das allseits beliebte Zirkeltraining heißt politisch korrekt „Functional Movement Screen“.

Aber auch das, glaubt Kellersch, wird den letzten Trierer Gewichthebeverein langfristig nicht retten. Eine Renaissance des Gewichthebesports ist nicht in Sicht, auch wenn die Kylltalheber derzeit beachtliche Leistungen in der Regionalliga bringen. „Trier ist nicht mehr die Stadt der starken Männer“, sagt der Trainer und schwärmt von den Zeiten, als Trappens Paul mit dem Ochsenstemmen in ganz Europa und Amerika Aufsehen erregte.

Ich aber werde nicht einmal ansatzweise in Trappens Fußstapfen treten. Die Kylltalheber haben mich begeistert, aber ich selbst besitze nicht die Ausdauer, um mich ins Gewichtheben reinzukämpfen. Ganz abgesehen davon, dass ich ja auch gar keine zwei Ochsen zur Hand hätte, um sie mal eben zu stemmen.

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