Triers begehrter Budenzauber

Mit Romantik und Besinnlichkeit wird der Trierer Weihnachtsmarkt beworben. Doch der am kommenden Montag beginnende Budenzauber auf Hauptmarkt und Domfreihof ist alle Jahre wieder auch ein veritabler Wirtschaftszweig: Hotels und Einzelhandel in der Innenstadt hoffen auf steigende Umsätze, die Stadt kann mit ordentlichen Steuereinnahmen rechnen. Im Rathaus erwartet man Hunderte Busse, die in vorweihnachtlicher Konsumfreude gestimmte Touristen zum Weihnachtsmarkt chauffieren werden. Veranstalter des Ganzen ist die Arbeitsgemeinschaft Weihnachtsmarkt Trier, die quasi im Alleingang entscheidet, welche Betreiber in den Buden zum Zuge kommen. Und die Warteliste ist lang. 

TRIER. Weihnachtsmärkte fußen auf einer langen Tradition. Zu Beginn hatten diese Verkaufsveranstaltungen eine ganz elementare Funktion inne: Im späten Mittelalter gab es eintägige Märkte, damit sich die Menschen mit den nötigsten Waren für den Winter eindecken konnten. Daraus entwickelte sich im 20 Jahrhundert ein Brauchtum. Kleidung und Lebensmittel für die Winterzeit gibt es nunmehr in Ladenlokalen, und dennoch gehören die Weihnachtsmärkte zu Deutschland in der Vorweihnachtszeit wie das “Wunder von Bern” zum Fußballsommer 54.

Nicht ganz solange gibt es den Trierer Weihnachtsmarkt. Zum 33. Mal füllen die Standbetreiber in diesem Jahr die insgesamt 95 Holzbuden mit Waren und Leben. Seit Beginn zeichnet das Andernacher Unternehmen Oscar Bruch für die Organisation und Durchführung der Großveranstaltung verantwortlich. Dies sei durch einen öffentlich-rechtlichen Vertrag geregelt, der vom Rat der Stadt beschlossen wurde, erklärt Dieter Jacobs vom Presseamt der Stadt. Dafür fließe eine Nutzungsgebühr von derzeit rund 31.500 Euro in die Stadtkasse. Diese Summe ergibt sich laut Rathaus aus den Bestimmungen einer Sondernutzungssatzung. Laut Gebührenordnung der Stadt werden für Markthändler  je Quadratmeter Standfläche 25 Euro fällig, Strom kostet extra. Kommt es hingegen zu einer Sondernutzung wie etwa zum Weihnachtsmarkt, werden laut Satzung für den gleichen Platz allerdings nur 22,50 Euro fällig. “Bei uns gibt es Häuschen ab zwei Meter bis zu sechs Meter Front”, erklärt Angela Bruch.

Bruch ist Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft. Dank des Regelwerks mit der Stadt kann sie alleine darüber entscheiden, welche Standbetreiber auf dem Weihnachtsmarkt vertreten sind. Das macht sie zu einer Art John Bon Jovi der Trierer Vorweihnachtszeit. Wie unlängst via Arte zu erfahren war, hat der amerikanische Bandleader als einziger Musiker seiner Band einen Vertrag mit einer Plattenfirma, seine Kollegen stehen wiederum bei ihm unter Vertrag. Er bestimmt also, wann und wie ein neues Album erscheint. “Wir haben jedes Jahr zahlreiche Anfragen von Händlern, die gerne mitmachen würden”, bestätigt Bruch. Sie ist stolz darauf, dass der Weihnachtsmarkt in den Jahren “nicht stehen geblieben ist, sondern, dass das Angebot wechselt.”

Dass das Angebot wechselt, darauf hofft auch ein Unternehmer, der nach eigener Darstellung seit fast acht Jahren versucht, seine Waren auf dem Trierer Weihnachtsmarkt zu verkaufen. “Wir bekommen immer nur Absagen, weil kein Platz mehr ist oder man meldet sich gar nicht”, erklärt der Mann, der gerne anonym bleiben möchte, da er weiterhin darauf hofft, einmal berücksichtigt zu werden. Bruch vermeldet unterdessen einen Neuzugang: “Wir haben dieses Jahr zum ersten Mal einen Händler, der Werkzeuge aus Schokolade verkauft”. Unter den Standbetreibern sind in diesem Jahr auch wieder Verkäufer von Weihnachtsartikeln und Kunstgewerbe vertreten, und natürlich ist auch für das leibliche Wohl gesorgt; Glühwein dürfte auch 2012 wieder in Mengen fließen. So gesehen unterscheidet sich der Trierer Weihnachtsmarkt kaum von anderen Veranstaltungen gleicher Art.

Trotzdem oder gerade deshalb hat der Budenzauber mit Fichtendeko laut Tourist-Information einen positiven Effekt auf die lokale Wirtschaft. “Der Weihnachtsmarkt kann als Publikumsmagnet bezeichnet werden”, heißt es von offizieller Seite, und weiter: Daraus ergäben sich positive Effekte für die lokale Wirtschaft im Bereich der Hotellerie und des Einzelhandels. Allerdings liegen laut Presseamt hierüber keine wirtschaftlichen Kennzahlen vor. Frei nach Kant könnte man dies auch die Antizipationen der Wahrnehmung nennen. Von dort aus ist es dann nicht mehr weit zum Postulat des empirischen Denkens: Und es lohnt sich doch. Denn erstmals findet am Vorabend des 1. Advent ein “Langer Weihnachtseinkaufsabend” statt. Die Geschäfte in der Innenstadt haben dann bis 22 Uhr geöffnet. Die Kombination aus verlängerten Öffnungszeiten, Weihnachtsmarkt-Idylle und hell erstrahlender Innenstadt sollen dann die Kassen klingeln lassen.

Wenig verwunderlich, dass die Stellung der Firma Bruch begehrt ist. Es gebe durchaus Unternehmen, die den Betreibern das Revier gerne streitig machen wollten, heißt es aus der Verwaltung. Laut Presseamt gab es denn auch Anfragen, den Posten der Bruchs zu übernehmen. Doch hier setzten die Verantwortlichen auf die Tradition, verlängerten den Vertrag trotz eines Kündigungsrechts immer wieder. Den letzten größeren Vorstoß, die Bruchs aus dem Geschäft zu drängen, gab es 2010. Damals versuchte es eine Gruppe lokaler Unternehmer, allerdings ohne Erfolg. Laut Presseamt gilt der aktuelle Vertrag noch bis 2016. Bei der Stadt setzt man also auch künftig auf die Bruchs, denen es in diesem Jahr erneut gelang, Trier noch vor der Eröffnung des Weihnachtsmarkts Trier in den überregionalen Medien zu platzieren – mit der Präsentation von Sabine Braunert, der neuen deutschen Glühweinkönigin.

Print Friendly

von

2 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. S. Nink schreibt:

    Schade, dass dieser”Weihnachtsmarkt” immer mehr zu einer Art Kirmes mit gefühlt 50% Fressbuden verkommt. Und auch schade, dass die Stadt Trier nicht mal offen für neue Angebote ist. Wenn ich lese, dass es anscheinend etliche Interessenten mit neuen Ideen gibt, diese dann von der Bruch – Mafia aber nicht berücksichtigt bzw. komplett irgnoriert werden, finde ich das mehr als schade. Überhaupt ist es ein Unding, dass eine Privatfirma hier alleiniges Bestimmungsrecht hat, welche Standbetreiber zum Zuge kommen. Leider sind dies immer wieder dieselben. Scheinbar die typische Klüngelei, die es schon immer gab und immer geben wird. Es wird behauptet Bruch sei “stolz darauf, dass der Weihnachtsmarkt in den Jahren nicht stehen geblieben ist, sondern, dass das Angebot wechselt”. Wo gab es denn bitte signifikante Wechsel? Überhaupt finde ich das Konzept schlecht, alles an einem Platz zu konzentrieren, wo dann kaum ein Durchkommen ist. Man sollte das ganze dezentralisieren und auf die verschiedenen Plätze verteilen wie z.B. Stockplatz, Viehmark und Basilika-Vorplatz.
    Vor allem aus diesem Grunde, aber auch weil mir die Abzockmentalität der Bruchs nicht gefällt (Tassen vergangener Jahre werdennicht zurückgenommen, sprich das Pfandgeld ist weg, die meist osteuropäischen Angestellten werden wie Dreck behandelt und deren Niedriglohn steht in keiner Relation zu den Preisen für diese Glühweinplörre) werde ich Weihnachtsmarkt aber auch Innenstadt meiden und meine Sachen woanders kaufen.

  2. S. Nink schreibt:

    Und wer unbedingt Glühwein trinken möchte, dem sei eine der vielen besseren Alternativen angeraten wie der kleine Weihnachtsmarkt vor der PortaNigra (Sim), Christies in der Sternstraße aber nicht zuletzt der “Bildung-in-Ostafrika” Glühweinstand an der Ecke Jakobstraße und Hauptmarkt, der hoffentlich wieder dabei sein wird und dessen Einnahmen für einen guten Zweck verwendet werden.

Schreiben Sie einen Leserbrief

Angabe Ihres tatsächlichen Namens erforderlich, sonst wird der Beitrag nicht veröffentlicht!

Bitte beachten Sie unsere Kommentarrichtlinien!

Noch Zeichen.

Bitte erst die Rechenaufgabe lösen! * Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.

Unterstützen

In Evernote merken