Tüftler und Lenker

Die dritte Generation: Rainer Stiedel führt zusammen mit seinem Vater "Radio Stiedel" in der Paulinstraße. Foto: Marco PiecuchSeit Jahrzehnten verkaufen die Männer der Familie Stiedel Radios und Fernseher und reparieren Geräte, die nicht mehr funktionieren. Der Grund für ihren Erfolg: Guter Service. Auch Erich Goergen gehört ein Familienbetrieb, denn Möbelgeschäft und Schreinerei hat der 80-Jährige von seinem Vater übernommen, seit mehreren Jahren schmirgelt und lackiert er wiederum gemeinsam mit seinem Sohn. Erich Goergen sagt: Kleine Unternehmen wie unseres stehen vor dem Aus. Besuch bei zwei Trierer Traditionsgeschäften.

TRIER. „Die tickt nicht mehr richtig“, sagt die ältere Dame, und reicht die kleine Tischuhr, weiß und gold, über die Ladentheke. Ein prüfender Blick, Rainer Stiedel öffnet die Klappe. „Haben Sie es schon mit einer neuen Batterie probiert?“. Kopfschütteln. Der 55 Jahre alte Einzelhandelskaufmann tauscht die alte gegen eine neue aus, schon wandert der Sekundenzeiger wieder. Ein Plausch über das Wetter – so wechselhaft – und die Seniorin verlässt den Laden. „Manchmal kommen die Leute nur wegen Kleinigkeiten zu uns.“ Zusammen mit seinem Vater führt er Radio Stiedel in der Paulinstraße. Er selbst, die dritte Generation, arbeitet viel im Außendienst, sein Vater, „die graue Eminenz“, in der Werkstatt des Hauses, das der Familie gehört.

Günter Stiedel, 81, sitzt im Hinterzimmer, der Gehstock lehnt an der Werkbank, über und neben ihm unzählige Schublädchen von Hand beschriftet: „Röhrenschalter“, „Phonoteile“, „Federn groß“, „Federn klein“. Hier flickt er Radios, erst vor kurzem hat eine Frau eins per Post geschickt, das sie bei Ebay ersteigert hat, 40er Jahre. Hier
repariert er Fernseher und tüftelt daran, wie man den Lötfehler beheben kann, der den Spielspaß an der Playstation III verfrüht beendet.

Wieder schellt es im Verkaufsraum. Diesmal benötigt ein Mann ein Birnchen für die Schreibtischlampe, wie viel Watt, das weiß er nicht. Rainer Stiedel rät zu 20 und zieht eine kleine Verpackung aus dem Regal hinter sich. Der Kunde kramt ein paar Münzen aus seinem Geldbeutel und steckt die Birne ein. „Wenn die nicht ausreicht, komme ich wieder“, sagt er. „Die Leute wissen, dass sie wiederkommen können“, sagt Stiedel. Es sei wichtig, ihnen das Gefühl zu geben, sich zu kümmern, sich gerne Zeit zu nehmen. Zum einen beim Kunden zuhause, wenn eben nicht nur der Fernseher geliefert und die Sender eingestellt werden müssen, sondern wenn außerdem noch die Lampe über dem Küchentisch flackert. Zum anderen im Laden, wo er Radios und Föhns verkauft, Trockenhauben, Nasenhaartrimmer, VHS-Kassetten. Nur, weil sie Stammkunden haben und die sie wiederum Bekannten empfehlen, könnten sie sich schon seit 1926 so gut halten.

„In einem lokalen Umfeld verankert zu sein, am besten über Jahre, das ist die einzige Möglichkeit, wie auch kleinere Läden überleben können“, sagt Matthias Schmitt, Geschäftsführer der IHK Trier im Bereich Standortpolitik. Doch nicht nur die namhafte Konkurrenz ist ein Problem, auch die Nachfolgersuche wird vielen inhabergeführten Geschäften zum Verhängnis. Den meisten Interessenten ist das finanzielle Risiko zu hoch. Das bestätigt auch Gerhard Hilsamer von der Handwerkskammer. Zudem fingen immer weniger Jugendliche eine Ausbildung im Handwerk an, ein Familienbetrieb sei längst keine Verpflichtung mehr. Hätte es früher noch geheißen „Junge, du machst das“, entschieden sich die Kinder heute häufiger dagegen.

Erich Goergen ist Ende Mai 80 Jahre alt geworden, ans Aufhören denkt er nicht. Foto: Marco PiecuchOb er damals wirklich Lust hatte, beim Vater anzufangen, daran kann er sich nicht mehr erinnern. Vermutlich schon. „Aber wer weiß mit 14 Jahren, was er will?“ Erich Goergen, farbverschmierter Blaumann, Strickpullover, schütteres Haar, lässt sich mit einem Seufzer auf den Stuhl in seinem Büro fallen. Der Geruch von Lack beißt in der Nase. Sein Vater war Schreiner, bei dem hat er das Handwerk gelernt, 1978 dann den Laden in der Benediktinerstraße übernommen. Ein Stockwerk höher schleift sein Sohn Holz.

„Die großen Märkte haben uns mit dem Rücken an die Wand gedrängt“, sagt er, mit deren Angeboten könne er nicht konkurrieren, mit den Preisen im Internet sowieso nicht. Als Berti Vogts noch Bundestrainer war, Mitte der 90er Jahre, da war die Zeit für sein Handwerk golden, die Auftragsbücher voll. Heute bleibt die Türklingel zum Geschäft auch einmal über Stunden stumm.

Goergen greift nach dem Metermaß, dreht es in der Hand. Sein Blick wandert in den Verkaufsraum. Die Eckbank-Garnitur Eiche „P43 komplett“ kostet 741,37 Euro, das Küchenregal, weiß lackiert, gibt es für 205,54 Euro. Dann die Zuckerdose aus himmelblauem Porzellan, Kostenpunkt 5,35 Euro, das Teelicht „Florida“, dazwischen Plastikblumen, die allerdings unverkäuflich. Seine Frau habe die Preise irgendwann einmal so errechnet, Einkauf plus ein gewisser Prozentsatz Gewinn. Das oft krumme Ergebnis findet er nicht komisch. Er findet es ehrlich.

Schaut man von der Straße rein, wirken viele der teils selbst gefertigten, teils zugekauften Stühle und Tische, die verblassten Polster der Sitzgruppen und die Weihnachtsständer im Sommer wie aus der Zeit gefallen. Reparatur ist das, was ihn, den Sohn und die zwei Gesellen beschäftigt. An einer Apotheke in der Innenstadt haben sie gerade die Balkongeländer abgenommen, um sie zu restaurieren, für die Stadt Saarburg hat er Sitzbänke aufgearbeitet – schleifen, schmirgeln, mehrmals lackieren.

Erich Goergen ist Ende Mai 80 Jahre alt geworden, ans Aufhören denkt er nicht. Seit dem Tod seiner Frau seien Sonn- und Feiertage trostlos, von den Feierabenden einmal abgesehen. Jeden Morgen wacht er gegen sieben Uhr auf, ohne Wecker. „Und wenn ich wach bin, kann ich auch schaffen.“ Der erste, der kommt, und derjenige, der die Tür am Abend hinter sich schließt, ein Macher und Lenker, das sei er immer gewesen.

Der Nachwuchs hingegen sei aus anderem Holz geschnitzt. Der letzte Lehrling habe das Handy am Ohr und den Feierabend im Kopf, nie aber die Arbeit im Sinn gehabt. Also entschied Goergen vor einigen Jahren, nicht mehr auszubilden und nicht mehr einzustellen. „Ich bin froh, wenn wir selbst genug zu tun haben.“ Seinem Sohn könne er „nicht wirklich“ raten, den Laden zu übernehmen.

Goergen geht aus dem Büro nach draußen, einige Stufen hoch in den Maschinenraum, ein kurzer Flur, wieder eine Treppe. Dann schließt er die Tür zu seiner Wohnung auf, gleich über dem Werksraum. Im Besucherzimmer steht eine Schrankwand, in der Mitte eine Vitrine, Kristallglas, rechts und links davon Türen, dahinter mehrere Schubkästen. Außen ist das Holz nußbaumfarben gespritzt, innen sieht man seine Natur: Rüster, eine Ulmenart, ein helles Braun, fast gelblich. Es ist Goergens Meisterstück, Baujahr 1956, nichts quietscht, nichts klemmt.

„So etwas, das suchen Sie lange“, sagt er in ruhigem Ton, der nicht klingt wie eine Drohung, sondern wie ein Versprechen. Die Qualität sei es, die das Traditionsgeschäft vom Massenfabrikanten unterscheide. Leider wertschätzten das zu wenige Menschen. Ein Blick auf die Wanduhr, nun muss er weiterarbeiten. Er hat schließlich ein Geschäft.

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