Unsere Mütter, unsere Väter

Matthias Stockinger als Berger in "Hair". Foto: Marco Piecuch/Theater TrierEin volles Haus mit einem buntgemischten Publikum gab es zur Premiere von “Hair” am vergangenen Samstag im Stadttheater. Das einst so erfolgreiche Musical aus den späten Sechzigern zieht also immer noch. Auch wenn der Inhalt mittlerweile etwas angestaubt ist. Klar, die Ideale von damals gelten immer noch. Aber wir sind satt und saturiert und ruhen uns gerne auf dem inzwischen Erreichten aus. Die Rebellen von einst freuen sich auf die Rente, und Haare sind nur noch spärlich vorhanden. Ihre Kinder träumen von einem sicheren Job, Haus und netter Familie. Glück und Harmonie im kleinen Kreis, statt romantischer oder politischer Ideale in weiter Ferne.

TRIER. Die Inszenierung von Gerhard Weber nimmt denn auch kaum Bezug auf die Gegenwart. Gekonnt fängt sie jedoch die Atmosphäre der Sixties ein und präsentiert einen nostalgischen Rückblick auf die außergewöhnlichen Ereignisse der damaligen Zeit. Die Musik und das Dekorative stehen eindeutig im Focus, untermalt von zeitkritischem Kolorit.

Gleich zu Beginn verwandeln sich die “kosumgeilen” Protagonisten der Gegenwart in grauen Anzügen und Kostümen einer Luxusmodemarke in buntgekleidete, langmähnige Hippies und schon ist man mittendrin im psychedelischen Farbrauschzeitalter des Wassermanns. Quietschbunte Plastikteile zu langen Schlangen gereiht baumeln von der Decke und bilden einen beweglichen Vorhang. Eine Videoleinwand an der Bühnenrückwand projiziert Schwarz-Weiß-Bilder der rauen Wirklichkeit des Zeitgeschehens (Bühnenbild Fred Pommerehn/Katrin Gerheuser, Kostüme Alexandra Bentele).

Der Plot des Musicals behandelt die Zeit seiner Entstehung und die damalige amerikanische Geschichte. Vietnamkrieg, Sex und LSD. Aus heutiger Sicht wirkt das etwas antiquiert. Dafür ist die Musik unübertroffen und reißt immer noch mit. Natürlich ist das auch der Verdienst der tollen Solisten aus Schauspiel, Musik- und Tanztheater. Ganz besonders gelingt es der ausgezeichneten Band aus Mitgliedern des Philharmonischen Orchesters mit ihrer Begleitung der eingängigen Songs, die richtige Konzertatmosphäre zu schaffen.

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen die beiden Freunde Claude (einfühlsam: Jörn-Felix Alt) und Berger (ausdrucksvoll: Matthias Stockinger). Sie pflegen einen hedonistischen Lebensstil, in dem Frauen (die blöderweise schwanger werden) und Drogen eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Bis Claude seinen Einberufungsbefehl erhält. Das stürzt den sensiblen und in spießigen Verhältnissen in der Provinz aufgewachsenen Claude in tiefe Bedrängnis.

Seine Freunde und insbesondere der Kraftprotz Berger erwarten von ihm, dass er den Einberufungsbefehl verbrennt. Darum kreist der Großteil der Handlung. Daneben wird in einer abwechslungsreichen Revue der amerikanische Lebensstil auf die Schippe genommen, zum Beispiel das Spießerleben der Vorstadt anhand von überdimensionierten Rasenmähern und Bügelbrettern. Knüppelnde Polizisten treiben harmlose Hippies auseinander. Dazwischen gibt es eingespielte Szenen aus dem Vietnamkrieg, untermalt von Hubschraubergeräusch.

Trotzdem bleibt es ein kunterbunter Spaß. Hauptsache, es gibt noch einen Song und noch eine Tanzeinlage. Der Betrieb auf der Bühne ist enorm und die Spielfreude der Protagonisten ebenfalls. Trotz der Masse der Darsteller schlüpfen einige in mehrere Rollen zwischen Spießern und Hippies. Die vielseitige Barbara Ullmann spielt mal die spießige Mutter, mal die Hippiefrau Dionne. Jan Brunhoeber tritt als Paul, Vater 2, Soldat 2 und Sergeant auf, Tim Olrik Stöneberg und Christian Miedreich sind sogar in fünf Rollen zu sehen. Dass die meisten bessere Schauspieler als Sänger sind, tut der Sache keinen Abbruch. Das Publikum klatscht begeistert mit und bekommt am Ende auch noch Zugaben. Bei “Let the sunshine in” reißt es alle von den Sitzen. Eine gelungene Inszenierung, die prima in Faschingszeit passt.

Hanne Krier

Die nächsten drei Aufführungen: Dienstag, 25. Februar, 20 Uhr; Samstag, 1. März, 19.30 Uhr; Freitag, 7. März, 20 Uhr.

Print Friendly

von

Schreiben Sie einen Leserbrief

Angabe Ihres tatsächlichen Namens erforderlich, sonst wird der Beitrag nicht veröffentlicht!

Bitte beachten Sie unsere Kommentarrichtlinien!

Noch Zeichen.

Bitte erst die Rechenaufgabe lösen! * Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.

Unterstützen

In Evernote merken