“Verbreitung von Unwahrheiten”

In der Auseinandersetzung zwischen der IG Metall und der Geschäftsführung der Natus GmbH & Co. KG um die Gründung eines Betriebsrats verhärten sich die Fronten. Man werde beim Arbeitsgericht die Einsetzung eines Wahlvorstands beantragen, kündigte Roland Wölfl, Erster Bevollmächtigter der Gewerkschaft am Freitag gegenüber 16vor an. Am Donnerstag war das notwendige Quorum für die Wahl von sechs Kandidaten verfehlt worden. Frank Natus wertet dieses Ergebnis als klare Niederlage für die Befürworter eines Betriebsrats und will nun eine Belegschaftsvertretung einrichten. Erstmals äußerte sich der Firmeninhaber auch zu den Vorgängen der vergangenen Wochen. Natus wirft der IG Metall die “Verbreitung von Unwahrheiten” vor. Wölfl kontert: Mehr als 200 Natus-Mitarbeiter hätten nun deutlich gemacht, dass sie “einen richtigen Betriebsrat wollen, und keinen Klassensprecher”.

TRIER. “Natus-Mitarbeiter mehrheitlich gegen Betriebsrat”, titelte der Trierische Volksfreund am Freitag. Sind die Bestrebungen von mehreren Beschäftigten und der Gewerkschaft IG Metall, ein solches Gremium bei einem der größten privaten Arbeitgeber Triers einzurichten, schon Geschichte? Mitnichten, betont Roland Wölfl und erklärt: Am Donnerstag habe nicht die Gründung eines Betriebsrats zur Abstimmung gestanden, sondern die Besetzung eines Wahlvorstands. Doch die Bewerber verfehlten das notwendige Quorum und waren damit nicht gewählt. “Nach der geltenden Rechtslage können sich Belegschaften nicht mehrheitlich gegen die Wahl von Betriebsräten aussprechen beziehungsweise beschließen, keinen zu wählen”, so Wölfl. Vielmehr schreibe das Betriebsverfassungsgesetz vor, dass schon der Wille von mindestens drei Beschäftigten, einen Betriebsrat zu gründen, ausreiche, um in einer Belegschaftsversammlung einen Wahlvorstand wählen zu lassen.

An der Betriebsversammlung nahmen nach übereinstimmenden Aussagen von Firmenleitung und Gewerkschaft rund 450 der mehr als 600 Mitarbeiter teil. Und noch in einem weiteren Punkt stimmen die Darstellungen weitgehend überein: der Wahlvorstand konnte nicht gewählt werden, weil eben das Quorum verfehlt wurde. Die Konsequenz: Es gibt noch keinen Wahlvorstand. “Nicht mehr und nicht weniger”, sagt Wölfl, der von “massiver Einflussnahme der leitenden Angestellten” auf die Mitarbeiter spricht. Er habe derartiges noch nicht erlebt, berichtete der Gewerkschafter gegenüber 16vor, “eine richtig inszenierte Kampage” vonseiten der Firmenleitung habe es gegeben. Deshalb sei es auch beachtlich, dass noch mehr als 200 Mitarbeiter bekundet hätten, dass sie “einen richtigen Betriebsrat wollen, und keinen Klassensprecher”.  Für die nun entstandene Situation sehe das Gesetz vor, dass auf Antrag der Arbeitnehmer oder der IG Metall beim zuständigen Arbeitsgericht die Einsetzung eines Wahlvorstandes beantragt werden könne. “Die IG Metall wird diesen Antrag stellen”, so Wölfl, die Gründung des Betriebsrats werde sich deshalb lediglich um einige Wochen verschieben.

Unterdessen äußerte sich nun erstmals auch Frank Natus zu den Vorgängen. In einer schriftlichen Erklärung kritisiert er das Verhalten der Gewerkschaft. Diese habe “einen falschen Eindruck über unser Unternehmen in der Öffentlichkeit” erweckt. Natus spricht von der “Verbreitung von Unwahrheiten”, “abfälligen Äußerungen” und berichtet: “Einige Akteure haben zwischenzeitlich eingesehen, dass sie sich falsch verhalten haben, und sich bei uns entschuldigt”. Der Unternehmer erklärte weiter: “Es war und ist nicht unser Ziel, einen Betriebsrat bei Natus zu verhindern”. Ein solches Gremium habe es in der Vergangenheit in seinem Unternehmen auch schon gegeben, doch dann hätten die Mitglieder “aus freien Stücken” ihre Tätigkeit eingestellt. “Seither nutzen die Arbeitnehmer unseres Betriebes die immer bestehende Möglichkeit, im direkten Gespräch mit der Geschäftsleitung ihre Anregungen für den Betrieb aber auch ihre Sorgen mitzuteilen, was vor allem in jüngster Zeit mit Erfolg in Anspruch genommen wurde”, fährt Natus fort und schlägt vor, nun eine Belegschaftsvertretung einzurichten.

Wölfl lässt sich von dieser Ankündigung nicht beeindrucken: “Dass Frank Natus jetzt wieder auf die Idee kommt, einen Klassensprecher wählen zu lassen, verwundert uns nicht. Nach unserer Kenntnis gab es in der Vergangenheit schon immer wieder solche Versuche, vor allen Dingen dann, wenn die Probleme im Betrieb überhand nahmen”. Der Gewerkschafter spricht von einem “Feigenblattbetriebsrat”, den Natus vorschlage und der für den Unternehmer “einen entscheidenden Vorteil” hätte: “Er hat keinerlei Rechte, ist ausschließlich Bittsteller, ist nicht rechtsfähig und ist für die Belegschaft völlig sinnlos”. Es stelle sich für ihn und seine Gewerkschaft deshalb mehr denn je die Frage, was ein Unternehmer zu verbergen habe, “der sich so offensichtlich gegen eine betriebsverfassungsgesetzlich legitimierte Arbeitnehmervertretung wehrt”.

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7 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Michael Müller schreibt:

    Vorab: Ich habe zu der Fa. Natus keinerlei verbindungen oder Beziehugen, ebensowenig zur IGM.
    Das Beispiel Roland Wölfl und Natus ist symptomatisch für den desolaten Zustand einer Gewerkschaft, die immer noch glaubt, mit Trillerpfeifen und roten Fähnchen Arbeitnehmerinteressen vertreten zu können. Es ist an der Zeit, dass IG Metall sich einmal selbstkritisch hinterfragt. Warum gibt es den seit Jahren anhaltenden Mitgliederschwund der Gewerkschaften? Da wird eine Gewerkschaftsarbeit geleistet, die zwar rhetorisch perfekt formuliert ist, aber inhaltlich an den wirklichen Interessen von Arbeitnehmern vorbeigeht. Diese haben nämlich verstanden, dass es Menschen gibt, die Arbeit zu fairen Konditionen an andere geben, und andere, die diese annehmen. Wer schlicht ignoriert, dass sich eine Mehrheit der Belegschaft gegen einen Betriebsrat ausspricht und dann versucht, die Bemühungen des Arbeitgebers um eine geordnete und faire Kommunikation mit der Belegschaft mit Ausdrücken wie „Klassensprecher“ schlecht zu machen, der sollte spätestens jetzt erkennen, dass hier Gewerkschaftsarbeit an den Arbeitnehmern vorbeigeleistet wurde. Herr Wölfl sollte jetzt sofort aufhören, das Betriebsklima der Fa. Natus derart zu zerstören.

  2. richard Leuckefeld schreibt:

    Herr Müller – die Einrichtung eines Betriebsrates (BR) hat nicht zwangsläufig etwas mit der Gewerkschaft zu tun, sondern ergibt sich aus dem Betriebsverfassungsgesetz. Das besagt eindeutig, dass ein Betrieb in der Grössenordnung von Natus einen Betriebsrat haben muß, wenn der Wunsch aus der Belegschaft geäussert wird. Dies ist hier offensichtlich der Fall. Fragt sich, was ist so schlecht an einem BR – auch aus Sicht eines Unternehmers? Unternehmen die modern geführt werden, kommen ohne einen BR heute gar nicht mehr aus. Er ist Indikatior für die Stimmungslage im Betrieb und kann durch kluge Interessenvertretung die Zuspitzung von Konflikten rechtzeitig verhindern. Das Gesetz gibt ihm die Möglichkeit, seine Tätigkeit kompetent (Weiterbildung, Freistellung) und selbstbewusst (Kündigungsschutz) durchzuführen.
    Dies alles hat sich in der Vergangenheit bewährt. Nur Unternehmer die ihren Betrieb wie ein Potentat führen wollen, sehen dies anders.

    Richard Leuckefeld

  3. Michael Müller schreibt:

    @ Herr Leuckefeld – Ich habe mich nicht gegen die Einrichtung eines Betriebsrates ausgesprochen, sondern gegen die Art und Weise, wie die Gewerkschaft in dieses Unternehmen eingreift – letztlich zum Nachteil der Arbeitnehmer. Ein Betriebsrat kann durchaus sinnvoll sein, aber viele Beispiele aus der Wirtschaft zeigen, dass es auch ohne gut – manchmal besser – laufen kann.
    Und dann noch etwas: Ihr letzter Satz beinhaltet genau die Intonation, die von der o.g. Gewerkschaft immer wieder gerne benutzt wird. Ich verwahre mich gegen diese von Kompromisslosigkeit und Realitätsferne geprägte Aussage. Ich habe selbst über ein Jahrzehnt mit – und den gleichen Zeitraum ohne – Betriebsrat gearbeitet Ich halte mich nicht für einen Potentat, und ich bin sicher, dass meine Mitarbeiter das ebenso sehen.

  4. Luzie Sennewald schreibt:

    Herr Müller, haben Sie die Berichterstattung im Volksfreund verfolgt? Auch hier im 16vor Artikel wurde nochmals darauf hingewiesen: die Mitarbeiter von Natus werden und wurden von Vorgesetzten und Kollegen unter Druck gesetzt, sogar noch während der Belegschaftsversammlung zur Wahl des Wahlvorstandes. Da steht einer an einem 2. Mikro und fordert seine Kollegen auf mit Nein zu stimmen… rotzalledem haben sich mehr als 200 Mitarbeiter für einen BR ausgesprochen. Ein deutliches Zeichen, dass hier ein BR gewollt und dringend benötigt wird und nicht die IG Metall bei Natus das Betriebsklima stört, sondern die Geschäftsführung und ihr Umgang mit den Rechten der Mitarbeiter.

    Es muss sich weiter eingesetzt werden, damit am Ende nicht Chefchens Liebling, der Mitarbeiter vom 2. Mikro, die Belegschaftsinteressen “vetritt”! Ich sehe auch grundsätzlich das Problem nicht, einen BR zu haben und finde es sehr gut, dass die IG Metall sich nun nicht zurückzieht, sondern sich für die 200 Kollegen weiter einsetzt, die ihr Recht auf einen BR verwirklicht haben wollen.

  5. M. Schulz schreibt:

    Zitat richard Leuckefeld: “Unternehmen die modern geführt werden, kommen ohne einen BR heute gar nicht mehr aus”…”Nur Unternehmer die ihren Betrieb wie ein Potentat führen wollen, sehen dies anders”

    Ist das wirklich so? Gibt es also in Ländern, die keinen Betriebsrat kennen keine “modern geführte” Unternehmen? Sind alle KMU-Betriebe, die in einer erheblichen Anzahl auch in Deutschland ohne Betriebsrat erfolgreich wirtschaften, allesamt von Potentanten geführt und sind die Mitarbeiter dieser Unternehmen allesamt unterdrückt und stimmlos?

    Irgendwie glaube ich nicht was Sie da erzählen, denn die Erfahrung im In- und Ausland zeigt auf, dass das so nicht stimmt. (BTW: Betriebsrat kann da auch durch Personalrat ersetzt werden, je nach “Unternehmensform” gibt es da ja das Äquivalent)

    Und die Interessen der Gewerkschaften dürfen nicht unterschätzt werden, unterhalten sie mit Ihren Bildungswerken Strukturen, die u.a. auf die Betriebsräte und die damit verbundene Finanzierung angewiesen sind.

  6. Franz Fuchs schreibt:

    Warum sträubt sich ein so großer Betrieb wie Natus gegen einen Betriebsrat? Hat man etwas zu verbergen? Oder befürchtet man auch mal unangenehme Fragen beantworten zu müssen wenn es um Entscheidungen der Unternehmesleitung geht?
    Ich denke man hat in diesem Betrieb noch nicht verstanden dass ohne die Fähigkeiten und die Arbeit der Angestellten die Geschäftsleitung wohl arbeitslos wäre. Es sollte ja ohnehin nicht vergessen werden dass das Wachstum des Betriebes sowie des Vermögens der Eigentümer wohl auch ohne die Arbeiter nicht stattgefunden hätte.

  7. Linde Andersen schreibt:

    Es muss in dieser Diskussion klar werden:

    Die Einrichtung eines sog. “Klassensprechers” hat mit den in unserem Land

    geltenden Gesetzen unter den hier gegebenen Voraussetzungen wirklich nicht

    das Geringste zu tun

    Die bestehenden gesetzlichen Bestimmungen haben auch in Trier Geltung

    und werden daher auch angewendet werden.

    NICHTS ANDERES IST NOTWENDIG UND VERNÜNFTIG

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