Von Boulern und Nebenboulern

Punktezähler beim Boule. Foto: Frank P. Meyer„Endlich hab ich den passenden Sport für mich gefunden!“, verkünde ich hoffnungsvoll dem Backes Herrmann. „Wirklich?“ Herrmann schaut skeptisch. „Ja, ein Sport, der här­ter ist als Gewichtheben oder Rugby – nicht körperlich, aber mental –, den man im Freien und nur bei gutem Wetter aus­übt, und bei dem niemand schräg guckt, wenn du währenddessen Alkohol trinkst.“ „Ach“, meint der Herrmann trocken, „du spielst jetzt Boule!“.

Hand aufs Herz: Denken Sie bei Boule- oder Petanquespielern nicht auch an le­benszufriedene Rentner, die unverschämt entspannt Metallkugeln durch die Gegend werfen und sich zwischendurch ein Gläs­chen Pastis oder Rotwein hinter den Knor­pel gießen? Tja, da liegen Sie zumindest teilweise falsch: In Trier trinkt der Bouler Viez statt Wein. Und entspannt ist er nur, bis der Wettkampf beginnt. Aber der Reihe nach: In Trier gibt’s einen Boule-Club und gleich mehrere Bouleplät­ze. Zentrales Boulodrome ist der Platz un­ter den Platanen vorm Palais Walderdorff. Hier hat der Bouler es auch im Hochsom­mer schattig und vor allem nicht weit bis zur angrenzenden Gastronomie, wo Viez-Nachschub besorgt werden kann. Diens­tags ist offizielles Training. Wobei noch zu klären wäre, was man beim Boulen ei­gentlich trainiert. Aber auch freitags wird gespielt, und zwar im Palastgarten und auf den Wegen vorm Landesmuseum.

Als ich vergangenen Freitag, von der Mus­torstraße her kommend, die Kreisverwal­tung passiere, höre ich ein verheißungs­volles metallisches Klacken. Tatsächlich: Auf dem freien Platz hinterm Tiefgaragen-Eingang entdecke ich Boulespieler. Genau zwei. Oha, denke ich, entweder hält Boule­spielen jung, sehr jung, oder hier trainiert die Jugend. Ein cooler Typ mit meter­langen Rastalocken und ein freundlicher Baseballmützenträger platzieren Metall­kugeln auf dem halbrunden Hartplatz, bewaffnen sich mit mehreren Boulekugeln und versuchen aus einigen Metern Entfer­nung, die auf dem Platz liegenden Kugeln zu treffen. Immer und immer wieder. Ja, das sieht nach Training aus!

„Spielt ihr heute auch noch richtig Boule?“, frage ich bereits nach dreieinhalb Minuten ungeduldig.
„Ja, nachher, wenn noch zwei Leute kom­men, vielleicht.“
„Und was macht ihr jetzt gerade?“
„Wir üben Kugeln abschießen.“
„Aha, und wie übt man das?“
„Indem man übt.“

Logisch. Bevor ich mein Vorurteil vom tiefenentspannten, pastistrinkenden Rentner endgültig aufgebe, frage ich si­cherheitshalber: „Und ihr seid der Trierer Boule-Club?“

Die beiden Jungbouler tauschen geheim­nisvolle Blicke aus, als ob die Antwort hierauf schwierig wäre. Dann rät man mir freundlich: „Am besten gehste vors Landesmuseum, da spielen die Alten.“ Klingt das nach Diskriminierung? Nein, ich merke, dass bei „die Alten“ ein Hauch Verehrung mitschwingt. Dies bestätigt der Nachsatz: „Die Alten machen nämlich ernst mit dem Boulespielen.“

Aha, ich war also nur bei den Nebenbou­lern. Später erfahre ich, dass es in Trier ein Boule-Schisma gibt und dass die durchaus erfolgreiche, aber überschaubare Trierer Boule-Szene es geschafft hat, sich in Un­tergruppen aufzuspalten. Ich trolle mich also weiter, zum Café Zeitsprung, und ver­stehe dort, was die Jungs mit „den Alten“ meinen. Die meisten der acht Bouler, die ich hier antreffe, sind fast so alt wie ich. Immerhin zwei sind Rentner, schätze ich, und entspannt wirken alle, also muss ich mein Vorurteil nicht völlig revidieren, zumal einer der Bouler knurrt: „Ich geh mir erst mal’n Viez-Sprudel holen.“ Viez scheint ein offiziell anerkanntes Doping­mittel des Boulesports zu sein. Obwohl: Viel Doping ist nicht vonnöten. Nicht einmal bücken muss man sich, sondern man hebt die Kugeln mit einem Magneten auf, der an einer beinlangen Metallschnur hängt. Ich sag doch: Ein wunderbarer Sport – für Typen wie mich.

Beim Boule wird das Augenmaß geschult. Foto: Frank P. MeyerAuch eine Frau spielt mit. Da es beim Boule um Konzentration und Präzision geht, sind gemischte Mannschaften kein Problem. Da gibt’s keine y-chromosomigen Vor- oder Nachteile.

Ich stelle die entscheidende Frage: „Wie trainiert man eigentlich Boulespielen?“ Auch hier kommt die prompte Antwort: „Man trainiert, indem man spielt, am besten jeden Tag.“ Dann drückt man mir Metallkugeln in die Hand und ermun­tert mich, mir die Kugeln so zu merken, dass ich sie jederzeit wiedererkenne, wenn sie zwischen anderen Kugeln liegt, und, schwupps, bin ich Teil einer Dreier-Mannschaft. Ich bin aufgeregt, denn an einem Freitag vor der Museumsmauer hat man als Bouler mehr Zuschauer als mancher Hunsrücker Fußballverein beim Sonntagsspiel, zumindest wenn man alle Touristen mitzählt, die stehenbleiben, um ein paar Minuten zuzuschauen.

Meine Mitspieler, ein erfahrener Bouler und eine jüngere Frau, die mich während des Spiels coacht, entscheiden, dass ich „Leger“ spiele: Ich muss meine Kugeln möglichst nah an die „Sau“ werfen (so heißt die kleine rote Kugel, um die sich das ganze Spiel dreht). Mein erster Wurfversuch trifft beinah einen unbeteiligten holländischen Touristen, mein zweiter schlägt im unschuldigen Pflanzkübel vor der Museumsmauer ein. Die Blicke meiner Mitbouler scheinen zu sagen: Anfängerglück … dass nichts Schlimmeres passiert ist. Aber schon meine nächsten Würfe landen verblüffend nah an der Sau, und eine halbe Stunde später habe ich mein erstes Boulespiel gewonnen: 13:8! „Der hat’s in den Genen“, raunt einer der Alten, aber bei einem Bouler weiß man nie, wann er’s ernst meint.

In der nächsten Spielrunde werden taktische Maßnahmen diskutiert: Gegnerische Kugel wegschießen oder versuchen, selbst näher an die Sau zu legen? Das wird basisdemokratisch entschieden. Wenn etwas misslingt, flucht immer nur der, der’s selbst verbockt hat, und man wartet gerne geduldig auf Mitspieler, die noch beim Viezholen sind. Das nenne ich einen mannschaftsdienlichen Umgang. Nur manchmal wird leidenschaftlich debattiert. Nämlich dann, wenn nicht eindeutig erkennbar ist, welche Kugel näher an der Sau liegt. Dabei geht’s nicht primär um die Frage: Wer kriegt den Punkt? Sondern eher darum: „Ja, siehst du denn wirklich nicht mit bloßem Auge, dass unsere Kugel näher liegt als eure!“ Wenn man sich nicht einigen kann, wird ein Maßband gezückt. Und tatsächlich: vier Millimeter Unterschied! Der erfahrene Boulespieler weiß genau, wie lang zum Beispiel 17 Zentimeter sind, da macht er sich nichts vor! Ich lerne also, dass man beim Boule eine Fähigkeit schult, die man immer gut gebrauchen kann: Augenmaß. Darauf hole ich mir endlich auch ein Dopingmittel mit Sprudel!

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1 Leserbrief | RSS-Abo

  1. Christoph Werner schreibt:

    Nach dieser Meyer-Kolumne will ich auch Boule spielen. Hervorragend, schon die Überschrift mit den Nebenboulern macht Lust. Weimar ist die Partnerstadt von Trier, wie kann man Boule hier einführen, ohne dem Zwiebelmarkt das Wasser abzugraben?

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