War einmal ein Revoluzzer…

Zum Fürchten: Michael Ophelders als Robespierre. Foto: Marco Piecuch“Büchner-Hopping” nennt man das wohl. Gerhard Weber inszeniert Georg Büchners “Dantons Tod” und “Leonce und Lena” im abendfüllenden Doppelpack. Das verlangt nicht nur Sitzfleisch und intakte Kniegelenke, sondern auch eine hohe geistige Flexibilität. Denn zwei so unterschiedliche Stücke in eines zu verpacken, garantiert einen spannenden Abend. Schon nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass der ständige Wechsel vom einen ins andere Stück zwar sehr anstrengend, aber auch äußerst abwechslungsreich ist. Möglich machen das eine Drehbühne und die grandiose Leistung der Protagonisten. Am vergangenen Samstag war Premiere.

TRIER. Auch nach 200 Jahren sind Büchners Stücke mit ihren psychologisch scharfsinnig ausgearbeiteten Charakteren immer noch aktuell und ermöglichen vielfältige, zeitgemäße Interpretationen. Gerhard Weber siedelt die beiden Stücke in zwei zeitlich nicht näher definierten Universalräumen an, die aber so unterschiedlich sind, dass einen den ganzen Abend die Frage umtreibt, wie das zusammengeht. Gibt es vielleicht einen gemeinsamen Schluss? So lange wollten einige aus dem Publikum nicht warten. Nach der Pause haben sich die Reihen etwas gelichtet, denn streckenweise gerät das Stück, trotz Kürzung und flotter Spielweise etwas zu langatmig.

Zudem verleihen der ständige Wechsel von desolater, gewalttätiger Revolutionstristesse bei “Dantons Tod” und possierlicher Komik bei “Leonce und Lena” dem Ganzen eine Überdrehtheit, die streckenweise zum niveauvollen Klamauk abdriftet. Doch die feinsinnige Sprache Büchners fängt das Ganze wieder auf.

Die Ausstattung (Bühnenbild: Thomas Mogendorf) ist sehr reduziert, aber wirkungsvoll. Zwischen riesigen dunklen Betonwänden und schwarzen Tischen agieren die Revolutionäre in schwarzen langen Mänteln (Kostüme von Carola Vollath). Mittels Drehbühne verwandelt sich die Düsternis in die bunte Spieldosenästhetik des Königreichs Popo.

Die Schauspieler selbst, in anstrengenden Doppelrollen, können das permanent vom aggressiv Dramatischen ins trottelig Komische trefflich bewerkstelligen. Der ständige Kostümwechsel erfordert einiges an Sportlichkeit. Lediglich der großartige Axel Holst als Danton kann sich ganz auf seine Rolle als Zweifelnder, innerlich Zerrissener voll konzentrieren. Seine hedonistische Lebensweise kollidiert immer wieder mit den Idealen der geforderten Tugendhaftigkeit der Revolutionäre. Dass es damit jedoch nicht weit her ist, beweisen die wohlbekannten Mordexzesse und der grausige Dauereinsatz der Guillotine. Mord als Mittel zur Weltverbesserung funktioniert in keiner Ideologie, scheint aber das makabere Resultat aller nachfolgenden Revolutionen zu sein. Die Revolution frisst ihre Kinder – eine Binsenweisheit, an der immer wieder Revolutionäre scheitern.

Daniel Kröhnert kann als verpennter Leonce sein ganzes komödiantisches Talent ausspielen. Mit hohen Absätzen und verzottelter Frisur stakst er durch die Szenerie, ambivalent und ziellos, begleitet von Freund Valerio (Matthias Stockinger, auch als Hérault-Séchelles). Herausragend sind Peter Singer als trotteliger König Popo und als korrekter Fouquier-Tinville und Klaus-Michael Nix in einer Paraderolle als eiskalter Technokrat St. Just. Daneben agieren Michael Ophelders als brutaler Robespierre und als agiler Hofmeister, Tim Olrik Stöneberg als Zeremonienmeister und Deputierter Lacroix und Jan Brunhoeber als leicht bekleideter Kammerdiener und als Haudegen Camille Demoulins. Die weiblichen Protagonisten fungieren mehr oder weniger als schmückendes Beiwerk in aufreizendem Grungelook (Kleidchen, Springerstiefel). Alina Wolff überzeugt als Prinzessin Lena und erlöst den Prinzen Leonce. Barbara Ullman brilliert als ihre schlaue Gouvernante und Friederike Majerczyk als Rosetta.

Am Schluss senkt sich schließlich das über allem schwebende riesige Fallbeil von der Bühnendecke herab. Die Guillotine fällt und alle Fragen bleiben offen. Was bleibt, ist eine weitere interessante Büchner-Interpretation, die sich auf jeden Fall zum Anschauen lohnt.

Hanne Krier

Weitere Aufführung im Dezember: Freitag, 20. Dezember, 20 Uhr. Die Vorstellungen werden im Januar und Februar fortgesetzt.

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3 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Julian Schieder schreibt:

    Eine schwache und oberflächliche Kritik, die weder den literarischen Vorlagen noch der Inszenierung gerecht wird; einfach platt. Schade, Thema verfehlt …

  2. Karl Meyer schreibt:

    @1: Ihr Kommentar lässt sich viel eher als oberflächlich bezeichnen, da er keinerlei konkrete Gründe vorbringt oder Aussagen der Kritik wenigstens aufgreift und widerlegt oder zumindest in Frage stellt.

  3. Dr. Walter Karbach schreibt:

    Das hat Büchner nicht verdient: dass man seine Stücke so gegeneinander in Stellung bringt, dass sie sich gegenseitig umbringen. Hat nur noch gefehlt, den Woyzeck ins Feld zu führen, vielleicht mit Narrenkappe und Glöckchen? Eine ärgerliche, missratene Inszenierung! Schauspieler und Publikum können einen leidtun.

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