“Wir wollen nicht in Wohnghettos leben!”

BehindertenbeiratKleinDass bezahlbarer Wohnraum in Trier knapp ist, ist allgemein bekannt. Obgleich alle gesellschaftlichen Gruppen davon betroffen sind, wird es besonders schwierig für jene, die aufgrund ihrer Lebensumstände speziellere Ansprüche haben. So haben Menschen, die auf barrierefreien Wohnraum angewiesen sind, in der Moselstadt einen besonders schweren Stand. Manche der Betroffenen leben deshalb unter unzumutbaren Bedingungen und können mitunter kaum ihre eigenen vier Wände verlassen, weil hierfür jemand sie die Treppe hinunter tragen müsste. Der Behindertenbeirat der Stadt stellte jetzt die ernüchternden Ergebnisse einer Umfrage unter Trierer Wohnungsgesellschaften vor. Das Fazit: Es fehlt an allen Ecken und Enden an bezahlbaren barrierefreien Bleiben. Der Beirat sieht Investoren und Politik nun gleichermaßen in der Pflicht und beklagt ein offenkundiges Interesse privater Wohnungsbaugesellschaften an dem Thema. 

TRIER. Rund 5600 Trierer haben aufgrund ihrer Gehbehinderung einen Schwerbehindertenausweis, sie alle benötigen eigentlich barrierefreien oder zumindest barrierearmen Wohnraum. Darunter versteht man Wohnungen oder Häuser, die es beispielsweise auf einen Rollstuhl angewiesenen Menschen erlaubt, diese selbstständig und ohne fremde Hilfe zu nutzen. Das bedingt beispielsweise die Abwesenheit von Treppen oder zumindest die Benutzbarkeit von Aufzügen. Schaut man sich in Triers Altstadt mit ihren vielen drei- oder viergeschossigen Altbauen um, dann fällt schnell ins Auge, wo es brennt. Dieser zumeist privat vermietete Wohnraum ist für Menschen im Rollstuhl unbenutzbar, sie müssen deswegen häufig auf die großen Wohnungsbaugenossenschaften setzen.

Nancy Poser, städtische Behindertenbeauftragte und Vorsitzende des im Januar 2012 gegründeten Beirats der Menschen mit Behinderungen, ist auf den Rollstuhl angewiesen. Die 32-jährige Richterin präsentierte gestern die Ergebnisse einer Studie, die der Beirat unter den örtlichen Wohnungsgenossenschaften durchführte. So gebe es bei den Genossenschaften, die in der Stadt Wohnraum anbieten, gerade einmal 268 barrierefreie Wohnungen. Dies seien lediglich 4 Prozent der Wohnungen im genossenschaftlichen Gesamtbestand. Rechne man nun dazu, dass die Genossenschaften rund 10 Prozent aller Haushalte in Trier vermieten, dann müsste die Zahl im Hinblick auf die Anzahl der Trierer mit Behinderungen bei 600 Wohnungen liegen. Verschärft werde die Lage dadurch, dass gerade die Behinderten zumeist auf die Wohnungen der Genossenschaften angewiesen seien, da die meisten privaten Vermieter mit ihren Altbauten nicht in Frage kämen. Zudem verfügten Menschen mit Behinderungen oft nicht über die notwendigen finanziellen Mittel für Eigentumswohnungen, so Poser. Rechne man diese Faktoren hinzu, komme man somit auf einen Bedarf im oberen dreistelligen Bereich bei den genossenschaftlichen Wohnungen.

Obwohl der Bedarf an Wohnungen also weitaus höher als die real vorhandene Bestand liege, seien “Leute mit Gehbehinderungen ja keine Phantome, die müssen auch irgendwo wohnen”, gibt Nancy Poser zu bedenken. Denn problematisch daran sei, wie der Mangel an passendem Wohnraum viele Menschen mit Behinderung dann in eigentlich unpassenden Wohnraum treibe. “Jeder kennt das. Wenn man umziehen muss, nimmt man halt, was da ist. Und wenn die Wohnung nicht barrierefrei ist, dann nimmt man sie trotzdem, weil man eine Bleibe braucht.” Das führe dann dazu, dass die Betroffenen häufig vor einer einem Gefängnis ähnlichen Situation stünden: “Ich kenne Fälle, in denen Leute in ihren Wohnungen quasi eingeschlossen sind. In einem Fall zum Beispiel lebt eine Frau, die einen Schlaganfall hatte, im oberen Geschoss ohne Aufzug. Wenn die mal raus will, dann muss ihr Mann sie immer runtertragen.” Peter Musti, Behindertenbeauftragter der Stadt Konz, kann diesen Beobachtungen nur beipflichten: “Ich kenne selber auch so einen Fall. Das sitzt ein Mädchen im Rollstuhl, wohnt aber im ersten Stock und muss zum Verlassen der Wohnung immer die Treppe runterrutschen, um unten dann in einen zweiten Rollstuhl zu steigen.”

Überdies würden mit diesen Befunden die Ergebnisse einer Pestel-Studie bestätigt. Selbige errechnete kürzlich einen Bedarf von 2.500 fehlenden Wohnungen für Senioren in den nächsten Jahren (16vor berichtete). Und für die Zukunft selbst sehe es nicht viel besser aus – lediglich zwei kleinere Genossenschaften hätten in der Umfrage angekündigt, dass weiterer barrierefreier Wohnraum geschaffen werden solle, berichtet der Behindertenbeirat. Alle anderen hätten die entsprechende Frage jedoch verneint.

Warum aber zeigen sich Vermieter und Investoren so zurückhaltend wenn es um die Schaffung barrierefreien Wohnraums geht? Ein zentrales Problem sieht Nancy Poser in den zu schwachen finanziellen Anreizen: “Das Problem ist die Förderung, die offensichtlich kein Anreiz ist. Da muss vom Land noch was kommen.” So seien die Vermieter generell sehr gut über die Fördermöglichkeiten informiert, aber die Tatsache der mangelnden Umsetzung spreche dafür, dass diese Maßnahmen nicht wirkten. Ein weiteres Hindernis sei, dass bereits vorhandener barrierefreier Wohnraum oftmals gar nicht als solcher registriert oder ausgewiesen werde und die Genossenschaften darüber hinaus gar nicht wüssten, dass sie diesen anböten. Michael Bohl, ebenfalls Rollstuhlfahrer und Mitglied im Beirat, kann dazu seine ganz eigene Anekdote erzählen: “Die gbt Wohnungsbau zum Beispiel hat uns gesagt, dass sie keine barrierefreien Wohnungen hat – ich wohne aber selbst bei denen. Da gibt es definitiv einen Bedarf an Aufklärung.”

Die meisten Anfragen der Betroffenen nach entsprechendem Wohnraum würden von Vermietern häufig mit dem Verweis auf das Schammatdorf abgekanzelt. Davon abgesehen, dass auch im kleinen Schammatdorf freie Wohnungen sehr selten sind und es eine lange Warteliste gibt, möchte Nancy Poser mit einem gängigen Vorurteil aufräumen: “Uns wird immer wieder unterstellt, dass wir in irgendwelche Wohnghettos möchten.” Dem sei jedoch nicht so, im Gegenteil: “Ich möchte ganz normal zwischen allen anderen wohnen”, insistiert auch Michael Bohl. Die Stadt, so Bohl, solle über den Hebel geänderter Vergaberichtlinien erreichen, in Zukunft bei Auftragsvergaben auch die Barrierefreiheit als Kriterium vorzusehen. Zudem sei das Land in der Pflicht, mehr finanzielle Anreize zu schaffen. Eine direkte Aufforderung an Oberbürgermeister Klaus Jensen (SPD) kann sich der Beirat dann auch nicht verkneifen: Dieser könne als Aufsichtsratsmitglied und mit der Stadt als Aktionärin bei der gbt Wohnungsbau und Treuhand AG durchaus mehr Einfluss ausüben.

Bei vielen Vermietern gebe es aber auch noch ein weiteres Vorurteil, das Nancy Poser ausräumen möchte: “Es geht immer noch das Schreckgespenst um, dass barrierefrei mit ‘teuer’ gleichzusetzen ist. Bei Neubauten ist das aber nicht mehr der Fall, es kostet nicht mehr, ob man eine Duschtasse oder eine ebene Dusche einbaut.” Bohl, von Beruf Architekt, sieht das genauso: “Es ist gerade bei Neubauten sehr einfach und nicht teurer, wenn man zum Beispiel eine Stufe vor der Haustür weglässt.” Der Beirat möchte so auch bald mit den Ergebnissen der Studie und seinen Vorschlägen zur Architektenkammer gehen, um eben diesen Vorbehalten entgegenzutreten.

Es gebe aber auch einen Lichtblick: Immerhin seien rund 200 Wohnungen aus dem Bestand der Genossenschaften recht leicht umbaubar. Der Beirat rät daher den Betroffenen, sich direkt an ihre Vermieter zu wenden und gezielt danach zu fragen. So gebe es beispielsweise für den Einbau einer ebenerdigen Dusche Zuschüsse aus der Pflegeversicherung von bis zu 2.500 Euro. Darüber hinaus seien Vermieter in solchen Fällen zustimmungspflichtig, von den Genossenschaften selbst habe man bereits ein Entgegenkommen registriert. “Da kommt man also schon weit”, so Nancy Poser.

Da sich viele Betroffene in ihrer Not mittlerweile an den Beirat wenden, möchte dieser nun eine Plattform schaffen, um einen Überblick über die vorhandenen barrierefreien Wohnungen zu ermitteln. Dazu werden vor allem noch Meldungen von kleineren privaten Vermietern gebraucht, da man keine genauen Daten dazu habe. Eine eigene Homepage werde zur Zeit von Studenten der Hochschule Trier entwickelt und soll voraussichtlich im September an den Start gehen. Von den großen privaten Immobilienfirmen ist Nancy Poser übrigens enttäuscht. Diese hätten ihre Anfrage zumeist gar nicht erst beantwortet, berichtet sie.

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6 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Anne Unfried schreibt:

    Hier entsteht der Eindruck, das Schammatdorf sei ein Wohnghetto für behinderte Menschen. Dem möchte ich widersprechen: In unserem Hof im Schammatdorf leben z.B. 14 Erwachsene und 10 Jugendliche. Davon sind 4 Erwachsene Rollstuhlfahrer, und es mag noch ein oder zwei BewohnerInnen mit einer anders gelagerten Behinderung geben.
    Wenn es in Trier wohnungstechnisch überhaupt etwas gibt, das Inklusion nahe kommt, dann ist es das Schammatdorf. Es sollte viel mehr solcher Wohnprojekte geben. Mir ist es unverständlich, dass dieses schon so lange bestehende Beispiel in der Umgebung keine Nachahmung gefunden hat.

  2. Markus Streng schreibt:

    Und zu allem Unmut, selbst wenn man in einem barrierefreien Haus wohnt, spätestens vor der Haustür beginnt dann doch das Trierer Mobilitäts-Ghetto. Zu enge Fußwege, die selbst bei Erneuerungsarbeiten wieder in den alten Zustand “neu” zurückgesetzt werden, bzw. gar nicht als Fußwege denn als Parksteige dienen.
    Ein trauriges Beispiel ist gewiss die Pfützenstraße. Da dort der Club Aktiv residiert ist in der gesamten vorderen Straße Parkverbot, nur Fahrzeuge mit Behindertenausweis dürfen dort parken. Dennoch parken dort zu jeder Tages- und Nachtzeit auch nichtberechtigte Fahrzeuge. Seien es Anwohner oder Besucher der Stadt. Bevorzugt am abgesengten Bordstein vor der Rollstuhlrampe, da dort kein Rolli-Piktogramm auf der Straße ist. Überhaupt ist die Ecke brenzlig. Mit einem Rollstuhl vom Club Aktiv zur nächstgelegenen Bushaltestelle an der Stadtbibliothek zu kommen wäre schon sportlich. Denn der Fußweg in der Rahnenstr. ist zumeist auch zugeparkt. Die Stadt schreibt aber dennoch zumeist die Falschparker “falsch” auf. 10 Euro steht auf den meisten dort ausgestellten Strafzetteln, dabei müssten es wegen Behinderung deutlich mehr sein, bzw. die meisten Autos sofort abgeschleppt werden – zumal vielen ausländischen Kennzeichen die Trierer Strafzettel nach wie vor eh egal sind.
    Das abenteuerlich armselige Argument des Ordnungsamts von den teuren Abschleppkosten die auf Falschparker zukommen würden darf bei solch asozialem Verhalten nicht gelten – tut es in anderen Städten ja auch nicht

  3. Nancy Poser schreibt:

    Liebe Frau Unfried,
    das Schammatdorf ist ein tolles Projekt! Und sicher kein Ghetto. Aber wenn man Behinderten immer wieder nur dieses eine Viertel empfehlen kann, könnte es schnell zu einem Ghetto werden, wenn es nicht auch im Schammat ohnehin nur begrenzte Kapazitäten gäbe. Uns geht es eher darum, dass es nicht sein kann, dass nachfragende Behinderte immer nur auf das Schammatdorf verwiesen werden – ganz so, als wäre es ein Ghetto, wo doch dann die Behinderten bitte auch alle hin sollen.
    Wie Sie sagen – wir brauchen mehr solcher Projekte und mehr barrierefreien Wohnraum, mitten drin, am Rand, überall.
    Herzliche Grüße,
    Nancy Poser

  4. Corinna Rüffer schreibt:

    Ich habe mal versucht, mit einer rollifahrenden Freundin eine bezahlbare Wohnung in Trier zu finden. Nach einigen Monaten haben wir frustriert aufgegeben… Gut, dass wir mittlerweile einen Beirat haben, der sich des Problems annimmt!

  5. Anne Unfried schreibt:

    Dem stimme ich uneingeschränkt zu, Frau Poser. Wohnarrangements wie im Schammatdorf sollten Standard sein, kein Ausnahmeprojekt.

  6. Joachim Fischer schreibt:

    Ich möchte an dieser Stelle auf ein Projekt der WOGEBE, Trier aufmerksam machen, bei dem in den nächsten 1-2 Jahren 20 barrierefreie Wohnungen in der Thyrsusstraße entstehen, sprich alle Wohnungen werden barrierefrei. Das Projekt richtet sich an Menschen, die an nachbarschaftlichem Wohnen interessiert sind.

    Wer sich für das Projekt interessiert findet Informationen auf der Homepage http://www.wogebe.de.

    Joachim Fischer

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